Die Wiedertäufer von Münster Der Gottesstaat der „wahren Christen“

Von Jörg Gierse | 25.02.2017, 10:11 Uhr

Wer nach Einbruch der Dunkelheit über den münsterschen Prinzipalmarkt geht und den Blick zum mächtigen Turm der Lambertikirche hebt, der sieht hoch über der Stadt drei fahle kleine Lichter leuchten. Wie Opferkerzen flackern sie in den eisernen Käfigen, die seit fast 500 Jahren in luftiger Höhe an eins der dunkelsten Kapitel der Stadtgeschichte erinnern.

Hier oben, mahnen die Lichter, ging nicht nur eine religiöse Utopie zu Ende. Hier starben, ob fehlgeleitet oder nicht, auch drei Menschen.

„Drei Irrlichter“ hat der Künstler Lothar Baumgarten seine Installation genannt, die den Anführern der münsterschen Wiedertäufer ein bisschen Menschenwürde wiedergeben soll. Sie dieser Würde für alle Zeiten zu berauben ist das erklärte Ziel der Käfige, als sie am 22. Januar 1536 am Turm von St. Lamberti hochgezogen werden. In ihnen festgebunden sind die zerschundenen Leichname von Jan van Leiden, Bernd Knipperdolling und Bernd Krechting. Auf dem Prinzipalmarkt ist den Männern zuvor in stundenlanger Qual mit glühenden Zangen das Fleisch von den Knochen gerissen worden, bevor man ihnen den erlösenden Dolch ins Herz stieß.

Gut anderthalb Jahre lang haben die Wiedertäufer versucht, in den Mauern der schwer befestigten Bischofsstadt das himmlische Jerusalem zu errichten. Aus den Anfängen einer Reformationsbewegung, die denen in vielen anderen deutschen Städten ähnelt, ist in kürzester Zeit eine Schreckensherrschaft erwachsen, die in der Geschichte des Protestantismus einzigartig bleibt. Das Ideal eines gottgefälligen, nur an der Bibel orientierten Lebens pervertiert in Münster zu einem grausamen Terrorregime, angeführt von fanatischen Mystikern. An seinem Ende stehen ein Blutbad – und die Gegenreformation.

Gegensatz zur lutherischen Lehre

Die Bewegung der Täufer hat sich um 1525 von den Schweizer Protestanten um Ulrich Zwingli abgespalten. Im Gegensatz zur lutherischen Lehre lehnen sie unter anderem die Kindstaufe ab. Begründung: Der Beitritt zur christlichen Gemeinschaft müsse freiwillig erfolgen und setze deshalb einen bewussten Glauben voraus – der erst im Erwachsenenalter möglich sei. Kirchlichen, aber auch weltlichen Autoritäten wollen sich die Täufer nicht unterwerfen: Für sie soll allein das Wort Gottes gelten.

Die Obrigkeit reagiert auf diese aufrührerischen Überzeugungen mit aller Härte. 1529 stellt der Reichstag zu Speyer das „Wiedertäufertum“ unter Todesstrafe. Seine Anhänger finden unter anderem in den Niederlanden Aufnahme, wo sich eine besonders radikale Spielart herausbildet. Ihre Anhänger glauben nicht nur, dass der Weltuntergang unmittelbar bevorstehe und nur sie als einzig wahre Christen überleben würden, sondern auch, dass sie auserwählt seien, den gottlosen Rest der Menschheit zu bekehren – oder auszulöschen.

Rebellion in Münster

Der Mann, der die Rebellion in Münster anführen wird, betritt die Stadt erstmals 1533. Jan Bockelson aus dem holländischen Städtchen Leiden hat mit seinen 24 Jahren schon ein wechselvolles Leben als Schneider, Kaufmann, Gastwirt und Bänkelsänger hinter sich. Er ist charismatisch, gut aussehend, intelligent – und nun als „Apostel“ des niederländischen Täufers Jan Matthys unterwegs. In Münster, das damals etwa 9000 Einwohner zählt, hat die Bewegung bereits einen prominenten Vertreter: den redegewandten Pfarrer Bernhard Rothmann, der unter den Bürgern eine loyale Gefolgschaft besitzt.

Luthers Ideen sind in der Bischofsstadt schon weitverbreitet. Besonders die Gilden, in denen sich die aufstrebende Handwerkerschaft organisiert, begehren gegen die Privilegien der Kirche auf. Ihrem Fürstbischof Franz von Waldeck haben die Münsteraner die freie Religionsausübung abgetrotzt. Alle Pfarrkirchen sind mit evangelischen Geistlichen, die Sitze im Rat zur Hälfte mit Lutheranern besetzt. Doch den Täufern ist das nicht genug.

Münster als „neues Jerusalem“

Als Rothmann beginnt, gegen die Kindstaufe zu predigen, folgt ihm zwar nicht der Rat, aber ein Großteil seiner Gemeinde – darunter viele einflussreiche Bürger wie der Tuchhändler Knipperdolling, der bald zum gefürchteten Scharfrichter des Täuferreichs werden soll. Zugleich strömen Fundamentalisten aus den Niederlanden in die Stadt: Sie erwarten die Wiederkehr Christi zu Ostern 1534 – in Münster, dem „neuen Jerusalem“. Gegen beide Gruppen zusammen haben gemäßigte Lutheraner und Katholiken keine Chance: Die Täufer übernehmen die Herrschaft.

Jan van Leiden und „Prophet“ Jan Matthys predigen das Weltende und führen einen Bildersturm an. Kirchenschätze, Bibliotheken und das Stadtarchiv werden ein Raub der Flammen. Wer sich nicht erneut taufen lässt, muss die Stadt verlassen. Die Häuser der Vertriebenen werden geplündert, alle Güter – von Lebensmitteln bis Schmuck – zum Gemeinschaftseigentum erklärt. Es kommt zu ersten Morden an „Ungläubigen“, Visionen machen die Runde. In den Straßen tanzen die Bürger des kleinen Gottesstaates in religiöser Verzückung.

Bewaffnete Auseinandersetzung

Draußen vor den dicken Mauern Münsters zieht der Fürstbischof derweil ein Heer aus knapp 8000 Landsknechten zusammen, um die abtrünnige Stadt zu belagern. Seine Geschütze können den Festungsanlagen zwar nicht viel anhaben. Doch vom Nachschub an Nahrung sind die Täufer ebenso abgeschnitten wie von militärischer Hilfe von außen. Franz von Waldeck beginnt seine Stadt auszuhungern.

Als das Osterfest ohne Ankunft des Messias verstreicht, will Matthys ein Zeichen Gottes erzwingen, tritt vor die Stadttore – und wird von den bischöflichen Soldaten enthauptet. Jetzt schlägt die Stunde des Jan van Leiden: Mit Überzeugungskraft und Skrupellosigkeit schwingt er sich zum Anführer der Rebellion auf. Der junge Holländer führt die Vielweiberei ein, schlägt einen Aufstand seiner Gegner blutig nieder und wehrt mehrere Angriffe der übermächtigen Belagerer ab. Was die fanatisierten Münsteraner als „Gottesurteil“ werten.

„König der Gerechtigkeit“

Im September 1534 lässt sich Jan van Leiden zum „König der Gerechtigkeit“ ausrufen. Flankiert von berittenen Leibwachen, paradiert der Sektenführer durch die Stadt, auf dem Kopf eine Krone, vor der Brust ein von Schwertern durchbohrter Reichsapfel. Von einem Thron auf dem Prinzipalmarkt spricht er nun Recht, vollstreckt seine Todesurteile oft selbst. Prediger Rothmann rechtfertigt all das mit göttlicher Vorsehung. Und während sein Hofstaat die letzten Vorräte verprasst und der König sein Volk mit „Liebesmahlen“ und Reiterspielen bei der Stange zu halten versucht, liegen in den Straßen immer mehr Hungertote.

Es sind zwei Verräter, die das Regime der Täufer schließlich zu Fall bringen. In der Nacht zum 25. Juni 1535 rückt ein Sturmtrupp des Bischofs durch eine Schwachstelle der Festungsmauern in die Stadt ein. Das folgende zweitägige Gemetzel fordert mindestens 600 Opfer. Von Rothmann fehlt jede Spur, aber den selbst ernannten König und seinen Scharfrichter stöbern die Soldaten in ihren Verstecken auf. Gemeinsam mit Bernd Krechting, dem Bruder ihres geflohenen Kanzlers, werden van Leiden und Knipperdolling verhört, gefoltert, in halb Westfalen zur Schau gestellt – und nach sieben Monaten mitten in Münster zu Tode gequält. Das „grob Teuffels spiel“, wie Luther die Episode nennt, ist aus.

Blutiges Erbe

Mit dem Erbe dieses blutigen Irrwegs der Reformation hat die Stadt ihren Frieden gemacht. Debatten, ob die drei eisernen Käfige als Symbole einer grausamen Strafjustiz vom Turm der Lambertikirche verschwinden sollten, sind längst verstummt: Dazu sind sie viel zu wichtig für den florierenden Tourismus, der auf die Wiedertäufer als schaurige Attraktion nicht verzichten mag. Ohnehin denkt beim Blick auf die Käfige wohl kaum noch jemand daran, was Münsters Bischof eigentlich bezweckte, als er sie aufhängen ließ: „Allen unruhigen Geistern“, so schrieb ein Zeitgenosse, sollten sie „zur Warnung und Schrecken dienen“.