Die „D 14“ in der Analyse Documenta in Athen: Das Format verändert die Kunst

Von Dr. Stefan Lüddemann | 10.04.2017, 17:49 Uhr

Die Documenta 14 ist gestartet. Chefkurator Adam Szymczyk hat das Weltformat nach Athen transferiert. Das ist nicht die einzige Provokation. Wie verändert das die Documenta? Eine Analyse.

Geniale Idee oder überhebliche Kuratorengeste? Adam Szymczyk lässt seine Documenta in Athen starten. Die Entscheidung ist ein veritabler Coup. Sie spaltet das Format auf zwei Schauplätze auf. Die in Kassel beheimatete Documenta wächst. Die Documenta-Macher kopieren allerdings nicht einfach jenes Branding, mit dem sich berühmte Museen wie der Pariser Louvre oder das New Yorker Guggenheim als globale Marken aufstellen. Adam Szymczyk leistet, was von jedem künstlerischen Leiter der Documenta seit dem legendären Kurator Harald Szeemann erwartet wird: Er erfindet das Format noch einmal neu. Allerdings fordert er nicht nur die Documenta, sondern die ganze zeitgenössische Kunst produktiv heraus. Von Kassel nach Athen und zurück - dieser Spannungsbogen verklammert mehr als den reichen Norden und den armen Süden Europas. Hier weiterlesen: Von Agora bis Syntagma - mit Performances durch Athen. 

Koalitionen der Künste

Documenta in Athen: Das bedeutet anderes als Wachstum um seiner selbst willen. Adam Szymczyk inszeniert eine Expansion, die Zeit und Ort betrifft. Diese Expansion bewegt mit der bildenden Kunst auch die Künste überhaupt und ihre Institutionen. Diese Documenta setzt auf Kunst in performativer Bewegung, sie verschwistert Ausstellung und Performance, Kunst und soziales Projekt. Sie fächert die Funktionen von Kulturhäusern auf. Das Museum als Aufführungsort, das Konservatorium als Galerie - in Athen definieren sich die sonst nach Sparten sortierten Kulturhäuser im zukunftsweisenden Crossover. Diese Documenta skizziert Züge jenes Experiments, dass Kurator Chris Dercon an der Berliner Volksbühne in Angriff wagen wird, wenn er das Theater auch als Ort der Ausstellung und der Performance bespielen wird. Dercon hat in Athen gründlich hingeschaut, ebenso wie Kuratorenkollegen von Kapser König (Skulptur-Projekte Münster) bis Hans Ulrich Obrist (Serpentine Galleries London). Hier weiterlesen: Wie gelingt die Documenta 14? Die Rezension zur Ausstellung in Athen. 

Expansion der Kunst

Diese Documenta verstärkt mit der Expansion einen Grundzug der Gegenwartskunst selbst, die in den letzten Jahrzehnten neue Orte und Praktiken etabliert und so die Vorstellung davon, was Kunst eigentlich ist, permanent erweitert hat. Documenta-Chef Adam Szymczyk richtet diese Tendenz konsequent an den Krisen der Gegenwart aus. Schon die Documenta 11 hat 2002 nicht erst mit ihrer Vernissage begonnen. Okwui Enwezor schaltete seiner Edition globale „Plattformen“ vor. Adam Szymczyk hat seine Documenta gestartet, indem er noch 2016 das „Parlament der Körper“ als neuer Form politischer Mitbestimmung etablierte. Aber was kommt nach der großen Show? Diese Documenta muss nachwirken, indem sie hilft, neue soziale Prozesse zu verstetigen. Daran wird sich ihr Erfolg bemessen. Das Kunstformat definiert zudem Räume neu, weil sie wunde Punkte im sozialen Körper der Stadt Athen markiert. Installationen an sozialen Brennpunkten und die zentrale Ausstellung in einem seit Jahren wegen Geldmangels nicht eröffneten Kunstmuseums: Diese Documenta stellt sich der Misere. Hier weiterlesen: Performance für die Presse: Documenta startet mit Paukenschlag. 

Szymczyks Befreiungsschlag

Adam Szymczyks Gang nach Athen wirkt wie ein Befreiungsschlag und wie ein Misstrauensvotum zugleich. Das Misstrauen gilt der seit Jahren von Fälschungs-, Betrugs- und Raubkunstskandalen gebeutelten Kunst. Beltracchi, Achenbach, Gurlitt: Drei Namen, drei Spots der Krise einer aktuellen Kunst, die zum Spielball des großen Geldes zu verkommen droht. Was dermaßen manipuliert wird wie glitzernde Hochpreiskunst, verliert allerdings kulturelle Produktivität und damit gesellschaftlichen Belang. Adam Szymczyk steuert gegen, indem er Kunst dort inszeniert, wo jene Krise herrscht, die sich sozialem Gefälle verdankt. Und indem er Exponate präsentiert, die nicht ins Beuteschema des Kunstmarktes passen. Zudem setzt er mit unerwartet vielen Performances auf Kunst als Prozess. Hier weiterlesen: Performance im Mittelpunkt - das Profil der Documenta in Athen.

Anschluss an die Moderne

Diese Documenta schließt dort an, wo die Moderne vor Jahrzehnten schon einmal war. Sie erneuert die Hoffnung, dass Kunst die Kraft hat, Gesellschaft zu verändern - nicht als naive Utopie, sondern als offenes Experiement. Das Format hat das Zeug, einen Energiekreislauf der Kreativität zu etablieren. Die Documenta 14 provoziert Fragen nach Europas kultureller Identität, nach sozialer Solidarität und der Produktivität der Kunst. Mit vielen mäßigen Exponaten sie provoziert aber auch die kritische Nachfrage, inwieweit Kunsterfahrung mit ihrer eigenen, nicht aus politischer Vorgabe abzuleitenden Qualität noch eine Rolle spielt. Adam Szymczyk erneuert allerdings Joseph Beuys´ Idee von Kunst als sozialer Plastik. Die Documenta ist unser aller Antike. Gerade in Athen. Hier weiterlesen: Documenta zwischen Befreiungsschlag und Großevent. Der Kommentar.