Deutsche Rechtschreibung Der „Deppenapostroph“ treibt wunderliche Blüten

Von Christine Adam | 04.04.2017, 09:00 Uhr

Als „Apostrophitis“ wird das Phänomen auch gern bezeichnet, weil es sich seit einigen Jahren wie eine schwere Krankheit ausbreitet. Gemeint ist die Unsitte, Apostrophe zu setzen, wo sie im Deutschen wirklich nicht hingehören.

Der öffentliche Raum ist damit regelrecht infiziert worden: „Anna’s Cafe“ in Ronnenberg, „Tom’s Hütte“ im Bayerischen Wald, die Oma in „Oma’s Küche und Quartier“ in Binz auf Rügen hat es richtig schwer erwischt. Eine regelrechte Epidemie hat sich da entwickelt, vor der niemand mehr die Augen verschließen kann. Auffällig viele Internet-Foren haben sich aufgetan und fordern mit diebischem Vergnügen dazu auf, neue und möglichst krasse Beispiele einzustellen. Schließlich lassen sich dort entsprechende Fotos hochladen. Die Foren Internetpranger zu nennen ginge aber entschieden zu weit, schließlich sind die Beispiele optisch überall und jedermann zugänglich.

Falsches wird nachgeahmt

Über die Gründe für die „Apostrophitis“ nachzudenken führt zu nichts Belastbarem: Wird das auch Hochkomma oder Oberstrich genannte Satzzeichen als besonders schick, jugendlich flott oder einladend empfunden, um damit Kunden anzulocken? Oder ist es nicht vielmehr so wie beim polemisch so genannten „ Deppenbindestrich “ und „ Deppenleerzeichen “, dass falsche Schreibweisen schlicht nachgeahmt werden, weil wir alle eben auch ein visuelles Gedächtnis haben? Eines fällt jedenfalls auf: Das Virus befällt längst auch aberwitzige Stellen am Wortkörper, die bisher verschont geblieben waren: „Blumen Paradie’s“, „Freitag’s Vormittag’s“ – autsch, das tut richtig weh.

Sprachgefühl geht verloren

Bevor nun aber jegliches Sprachgefühl für die richtige Verwendung des Apostrophs verloren geht, sei hier an einige wichtige Regeln erinnert. Lisa’s Salon geht nicht, weil der Name Lisa mit einem Vokal endet und deshalb ohne Probleme und Zungenbrecherei ein Genitiv-s verträgt. Denn dazu gibt es den Apostroph hauptsächlich: um anzuzeigen, dass ein Buchstabe fehlt. Er heißt deshalb auch Auslassungszeichen.

Das ist der Fall bei Andreas’ Salon. An den männlichen Namen Andreas lässt sich nicht noch ein Genitiv-s anhängen wie bei allen Worten, die auf s, ss, ß, tz, z oder x enden. Also ersetzt der Apostroph es. Früher behalf man sich in geeigneten Fällen mit der veralteten Genitiv-Form -ens wie in „Hansens Geliebte“. Doch bei Andreas half die auch nicht weiter, ergab höchstens Unaussprechliches. Bei der weiblichen Andrea wiederum gibt es heute keine Probleme: Andreas Salon darf entspannt das Genitiv-s tragen, kein Grund, es künstlich abzuhacken.

Schreibreform hat verunsichert

Die Auslassungsregel gilt auch für „tu’s noch einmal, Sam“. Als Zeichen fürs fehlende e von es dient der kleine Oberstrich. Warum aber nicht beim eben genannten fürs? Weil mehr als ein Buchstabe fehlt: Für das wird da zusammengezogen. Leider trägt diese Eselsbrücke nicht mehr, wenn’s um „so’n Wahnsinn“ oder „haste mal ’nen Euro“ geht. Die in der Umgangssprache ausgelassenen Wortteile markiert ein Apostroph. Aber solche Wendungen kommen selten vor. Noch mehr verunsichert das Gefühl für Sprache und Regeln, dass nach neuer Rechtschreibung der Apostroph auch weggelassen werden kann in Fällen wie „wie geht’s“, „mach’s gut“, „sag’s mir“.

Es gibt nur Handys

Allerdings nicht zu irritieren brauchen moderne Begriffe wie Handy, CD oder DVD. Das Plural-s kann ohne Verrenkungen angehängt werden: CD’s, Handy’s oder DVD’s, von denen es überall wimmelt, sind definitiv falsch, es gibt nur Handys, CDs und DVDs. Auch wenn das Handy eine zumindest pseudoenglische Bezeichnung ist, folgt es den deutschen Sprachregeln, sonst würde der babylonische Sprach- und Regelwirrwarr uferlos.

Aber vielleicht gilt es, als Notbehelf ein englisches Sprichwort zu beherzigen, bis die akute Apostrophitis halbwegs abgeklungen ist: „If in doubt, leave it out.“ Denn schlimmer kann’s eigentlich nicht mehr werden.