Der wöchentliche Silberblick Venedig: Wie romantisch ist ein Gondoliere?

Eine Kolumne von Dr. Stefan Lüddemann | 07.11.2015, 06:00 Uhr

In unserer wöchentlichen Kolumne „Silberblick“ berichtet die Kulturredaktion über mehr oder weniger skurrile Beobachtungen aus Alltag und dem Kulturleben. In dieser Woche fragen wir uns nach Italien-Klischees.

Komm in die Gondel, mein Liebchen“: Wie lange ist es her, dass Tenorstars wie Peter Anders oder Fritz Wunderlich mit diesem kreischend süßlichen Hit aus der Operette „Eine Nacht in Venedig“ für Furore sorgten? Eine Ewigkeit, gefühlt eher drei bis vier. Das hält aber keinen Touristen davon ab, die Gondelfahrt auf dem Canal Grande der Serenissima als Inbegriff des Italienerlebnisses zur ganz persönlichen Schnulze zu machen. (Hier weiterlesen: Was sagt uns die Biennale 2015 von Venedig?). 

Das romantisierende Missverständnis anderer, vor allem mediterraner Kulturen schmeckt offenbar allzu süß, mindestens so süß wie Sahneeis. Das Gemisch aus Madonnenkitsch und Mandolinenklang, der Süße Raffaels und der Süffigkeit vieler Opernarien hat sich im kollektiven Gedächtnis zu einem langlebigen Klischee Italiens verklumpt. Das mag erschrecken, ändert aber nichts daran, dass dieser Vorstellungskomplex die Feriensehnsüchte von Millionen Pauschaltouristen formt und steuert. (Hier weiterschauen: Die Biennale in Bildern) .

Dabei ist dem Gondoliere selbst kein bisschen romantisch zumute, gerade wenn es um seinen Beruf geht. Gondoliere bilden eine strenge Kaste. Die Frauen haben sie bislang erfolgreich aus ihren Reihen herausgehalten. Nur eine Dame darf inzwischen eine Gondel offiziell lenken. Mehr nicht. Gondelfahrer sind nüchterne Profis. Gerade dann, wenn sie ihren Fahrgästen ein Liedchen vorsingen. Enttäuscht? Nicht wirklich. Venedig ist ja schön. Auch jenseits aller Klischees.

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