Der ungarische Film „Körper und Seele“ gewinnt den Wettbewerb der 67. Berlinale Sieg der stillen Liebe

Von Daniel Benedict | 19.02.2017, 20:10 Uhr

Der Hauptpreis geht an eine Liebesgeschichte aus Ungarn, die beste Regie wird Aki Kaurismäki zugesprochen: Mit der Vergabe des Goldenen und der Silbernen Bären endet die 67. Berlinale.

Ein Mann, der mit der Liebe abgeschlossen hat, und eine offenbar autistisch veranlagte Frau verlieben sich. Und das wäre wohl nicht einmal den beiden selbst aufgefallen, wenn ihre Betriebspsychologin nicht aufgedeckt hätte: Endre und Mária träumen über Wochen denselben Traum. Im Schlaf erleben beide sich selbst als Hirschpaar, das Nüster an Nüster durch verschneite Wälder streift. Mit einem kühnen Bild für die Liebe gewinnt die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi den Goldenen Bären der 67. Berlinale. Und sie betont die Poesie ihrer Kernidee noch durch den Kontrast: Denn der Arbeitsplatz, an dem die Liebenden mit dem animalischen Alter Ego einander begegnen, ist ausgerechnet ein Schlachthaus.

Der Siegerfilm „Körper und Seele“ steckt voller drastischer Motive zum Thema der Leiblichkeit – vom missglückten Experiment mit dem Bullen-Potenzmittel über den gelähmten Arm der männlichen Hauptfigur bis zum Selbstmordversuch der weiblichen. Tatsächlich überzeugt der schöne Film aber vor allem als stille Komödie über zwei Einzelgänger. Und das trotz der Auflösung: Sie kriegen sich und hören auf zu träumen. Wer das Festival über in den Traumwelten des Kinos versunken ist, muss diesem Votum für die Realität nicht zustimmen. („Helle Nächte“ auf der 67. Berlinale: Ist der Siegerfilm überschätzt?) 

Intimer Hauptpreis

In jedem Fall gewinnt mit „Körper und Seele“ ein betont intimer Film die für das politische und kontroverse Kino bekannte Berlinale. Das gilt auch für viele weitere Preisträger-Filme: Georg Friedrich bekommt einen Bären für seine Darsteller-Leistung in Thomas Arslans „Helle Nächte“; hier spielt er einen Vater, der sich seinem entfremdeten Sohn wieder annähert – und wird mit dem Silbernen Bären auch dafür belohnt, dass er ein Drehbuch mit Leben erfüllt, das die Protagonisten ohne größere szenische Einfälle meist nebeneinander im Auto sitzen lässt. Auch die Koreanerin Kim Min-Hee gewinnt ihren Darsteller-Bären mit einer privaten Geschichte: In Hong Sang-soos „On the Beach at Night Alone“ spielt sie eine Schauspielerin, die nach dem Skandal um eine Ehebruch-Affäre eine Auszeit nimmt. Wie Friedrich spielt auch sie gegen die dezidierte Handlungsarmut ihres Films an – der Schweigsamkeit von „Helle Nächte“ stehen hier allerdings endlose Tischgespräche zum Wesen der Liebe gegenüber.

Liebesgeschichten im Wandel der Zeit, Eltern-Kind-Konflikte und Transgender-Schicksale: Der Wettbewerb der 67. Berlinale setzte immer wieder auf Beziehungsfragen. Aber es blieben genug gesellschaftskritische Stoffe, um das Image des politischen Festivals zu bedienen. Die Jury um Paul Verhoeven hat sie mit dem Großen Preis und dem Silberbären für die beste Regie zu zweiten Gewinnern gemacht. (Schlöndorffs „Montauk“: Zu Unrecht ohne Preis der 67. Berlinale?) 

Politische Zweitplatzierte

Alain Gomis’ „Félicité“ erzählt von einer Mutter, die Geld für die Klinikbehandlung ihres Sohnes braucht; ihr Weg durch die Straßen Kinshasas wird zum Porträt eines Kongos der sozialen Härte. Und Aki Kaurismäki greift mit der Flüchtlingskrise ein brandaktuelles Thema auf: „Die andere Seite der Hoffnung“ begleitet den finnischen Textil-Vertreter Waldemar erst durch die wortlose Scheidung und seine Neuerfindung als Glücksspiel-Genie und Gastwirt, bis er ihn mit dem illegalen Einwanderer Khaled zusammenbringt. Wie schon in Kaurismäkis Flüchtlingsgeschichte „Le Havre“ (2011) machen die Helden im Alltag vieles falsch und in den entscheidenden Dingen des Lebens alles richtig. Der Tonfall ist dabei aber pessimistischer geworden: Die großen Gesten kollektiver Solidarität weichen dem Engagement der Einzelnen; und das Ende bleibt verstörend offen.

Im Kritikerspiegel wurde Kaurismäki bis zuletzt als Favorit gehandelt. Wenn es am Ende nur ein Silberner Bär geworden ist, liegt es vielleicht gerade auch an seinem internationalen Rang: Als einer der wenigen großen Regiestars des Wettbewerbs sticht er schon vor der Preisverleihung heraus; die Jury hat die Chance der Berlinale genutzt und den Blick vom Vertrauten auf weniger bekannte Könner gelenkt. (Berlinale 2017: Wie gut ist „T2 Trainspotting“?)