Der Krieg als grausame Farce „14“: Jean Echenoz´ Roman über den Weltkrieg

Von Dr. Stefan Lüddemann | 07.05.2014, 23:00 Uhr

Kleines Buch über den großen Krieg: Jean Echenoz beschreibt in seinem Roman „14“ den Ersten Weltkrieg als grausame Farce.

Osnabrück. Charles und Anthime ziehen in den Krieg. Blanche wartet auf Charles, den Firmennachfolger. Aber der Krieg weist ihr Anthime zu, nachdem er dem jungen Mann den rechten Arm und Charles das Leben genommen hat. Anthime und Blanche zeugen einen Sohn. Sie nennen ihn Charles.

Diese Geschichte klingt lakonisch und ein wenig böse. Jean Echenoz erzählt mit diesem schmalen Plot den ganzen Ersten Weltkrieg . Knapp klingt der Titel, den er seinem Roman gibt: „14“. Knapp auch der Umfang: Gerade einmal 128 Seiten braucht der französische Romancier, um Weltgeschichte zur Mikrohistorie zu destillieren. Zwischen den Wälzern, die zuletzt zur Geschichte des großen Krieges erschienen sind, verschwindet das Bändchen geradezu. Dennoch ist „14“ ein gewichtiges Buch.

Denn Jean Echenoz besteht eine der größten Mutproben, die sich ein Schriftsteller auferlegen kann: Er schreibt einen Weltkriegsroman nach den großen Weltkriegsromanen von Remarques „Im Westen nichts Neues“ über Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ bis hin zu Hemingways „In einem andern Land“ oder Edlef Köppens „Heeresbericht“ . Echenoz weiß, dass er das große Schlachtengemälde nicht mehr mit Worten malen oder den flammenden Nie-wieder-Krieg-Appell nicht mehr in die Welt schreien kann. All dies ist schon tausendfach geschehen.

Also schreibt er einen Weltkriegsroman als präzise ausgeleuchtetes Kammerstück, als bitterböse Farce. Aus weitem Rückblick zeigt er den Krieg als das, was er ist – die große, grausame Lotterie, die Schicksale schreddert. Echenoz stellt neben Charles und Anthime noch Padioleau, Bossis und Arcanel auf seine Romanbühne und schickt sie wie jene Schlafwandler in den Krieg, die der Historiker Christopher Clark mit seinem großen Weltkriegspanorama beschrieben hat. Die Differenz: Echenoz’ Protagonisten sind in diesem Waffengang keine Entscheider, sie sind nicht einmal wirkliche Helden .

Denn der Krieg weist ihnen ihr Los mit der Gleichgültigkeit einer blicklosen Gottheit zu. Charles stürzt mit dem Flieger ab, eine Granate zerreißt die anderen Kameraden im Schützengraben. Echenoz schildert die schmerzhaften Einschnitte, die das Leben der jungen Männer erfährt, mit kühler, fast ironischer Distanz. Er erzählt, wie bizarr sie in ihren schlecht sitzenden Uniformen aussehen, wie sich der vermeintliche Spaziergang langsam, aber sicher in ein Desaster verwandelt. Die Absichten der Menschen zählen nicht. Der Krieg macht mit ihnen ohnehin, was er will. Echenoz klagt nicht wortreich über das Sterben, er zeigt den Widersinn, den die Menschen selbst angerichtet haben.

Als diziplinierter Erzähler verwehrt er sich jeden Anflug von Trauer oder gar Larmoyanz. Die bittere Pointe dieses Buches: Das Leben sucht sich nach dem Desaster seine Wege – zum Beispiel mit einer Ehe, die der grausame Zufall stiftet. Was machen wir mit so einer Geschichte? Der Autor gibt keine Antwort vor. Die muss jeder Leser selbst finden. Wie bitter, wie aktuell.

Jean Echenoz: 14. Roman. Hanser Berlin. 128 Seiten. 14,90 Euro.