Der EM-Gastgeber im Porträt Frankreichs Krise: Die Grande Nation hat den Blues

Von Dr. Stefan Lüddemann | 09.06.2016, 20:00 Uhr

Frankreich erwartet als Gastgeber der EM 2016 ein rauschendes Fußballfest. Aber wie geht es den Franzosen selbst? Sie stecken seit Jahren in der Sinnkrise. Bonjour Tristesse? Porträt eines Landes im Selbstzweifel.

Der traurige Blick gehört zu Alfons wie das Puschelmikrofon. Natürlich macht der Kabarettist aus seinem Blick ebenso eine Masche wie aus seinem forcierten französischen Akzent. Über Alfons lacht es sich aber nicht mehr so leicht. Denn sein trauriger Blick ist längst Programm. Ganz Frankreich geht es so, wie Alfons dreinschaut. Ganz Frankreich? Leider ja. Das Sechseck, wie Franzosen in Anspielung auf die Silhouette ihres Landes gern sagen, steckt nicht nur in einer Strukturkrise fest, die sich an miserablen Wirtschaftsdaten festmachen lässt. Ganz Frankreich hat auch den Blues. Und das nicht nur, weil die Terrorgefahr schwer auf das gallische Gemüt drückt. Hier weiterlesen: Tristesse im Lichterglanz - Paris nach den Anschlägen .

Paris wirkt leer

Fallschirmjäger mit der MP im Anschlag in der Metro, weniger Touristen, ein bisweilen leer wirkendes Paris: Das sind nur die Oberflächenphänomene eines Stimmungstiefs, das spätestens seit den Anschlägen auf das Konzerthaus Bataclan und das Stade de France am 13. November 2015 den Alltag der Franzosen im Griff hat. Gleichzeitig reagieren die Menschen mit einer Mischung aus Wut und Bockigkeit auf die ökonomische Misere, die den sozialen Zusammenhalt immer stärker zerfrisst. Während die Wirtschaftsleistung des Landes seit Jahren nachlässt und gleichzeitig die Jugendarbeitslosigkeit besorgniserregend steigt, halten die Franzosen trotzig an 35-Stunden-Woche und frühem Renteneintritt fest und verweigern sich jeder Reform, die diesen Namen verdient. Hier weiterlesen: Werte des Westens - Freiheit in den Zeiten des Terrors.

Sympathie für die Attentäter?

Vor allem aber stecken die Menschen jenseits des Rheines in einer Identitäts- und Sinnkrise fest. „La Mondialisation“, die Globalisierung, macht Frankreich zu schaffen - nicht allein als ökonomische Belastungsprobe, sondern vor allem als Herausforderung, den eigenen Platz in der Welt neu zu bestimmen. Frankreich hat nicht nur an wirtschaftlichem Gewicht verloren, auch das zivilisatorische Vorbild der Grande Nation hat an Strahlkraft und damit an normativer Kraft eingebüßt. Das gilt gleichfalls für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das Selbstverständnis der nach eigener Erklärung einigen und unteilbaren Republik Frankreich hat Risse bekommen, weil viele Menschen ihren Wertekonsens infrage stellen. Berüchtigte Beiträge liefern dazu der Rapper Booba, Frankreichs Bushido, mit seinem Verständnis für die Charlie Hebdo-Attentäter, und der Comedian Dieudonné M’bala M’bala mit antisemtischen Ausfällen. Hier weiterlesen: Bilder und ihre Geschichte - „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix.

Anfeindungen im Alltag

Gerade das große Projekt der Integration von Menschen vielfältiger Ethnien und religiöser Überzeugungen scheint nicht wirklich gelungen. Im Gegenteil. Vor allem Franzosen jüdischen Glaubens haben das Vertrauen in Sicherheit und Stabilität des Landes verloren. Ihr Exodus - pro Jahr gehen 7000 Juden nach Israel - wirft ein grelles Schlaglicht auf die gesellschaftliche Situation. Der brutale Überfall auf ein jüdisches Paar in dessen Pariser Wohnung hatte schon 2014 die Franzosen schockiert. Die Täter hatten nicht nur Geld geraubt, sondern auch die Frau vergewaltigt und ihre Opfer antisemitisch gedemütigt. Der Name des Pariser Vorortes Sarcelles ist inzwischen zum Synonym für antisemitische Anfeindungen im Alltag geworden. Viele Franzosen empfinden die Sicherheitslage schon seit Jahren als prekär. Hier weiterlesen: Frankreich kurz erklärt - wie komme ich an meinen Platz im Restaurant?

Politiker verlieren sich in Skandalen

Derweil verliert sich Politiker in Skandalen. Präsident François Hollande, der mit dem Motorroller durch Paris zu seiner Geliebten Julie Gayet braust, Finanzminister Jérôme Cahuzec, der wegen illegaler Auslandskonten zurücktreten muss, der Grüne Denis Baupin, der offenbar Mitarbeiterinnen und Politikerinnen sexuell erheblich belästigt hat - diese und weitere Skandale markieren Etappen auf dem Weg der politischen Klasse in einen fortgeschrittenen Ansehensverlust. In einem zentralisierten Staat, der sein Führungspersonal über das aus napoleonischen Zeiten stammende System der Grandes Ecoles rekrutiert, wirkt das doppelt schwer. Frankreichs Eliten haben bei ihren Landsleuten gravierend an Achtung verloren - und das nicht erst seit dem wüsten Treiben eines Dominique Strauss-Kahn. Hier weiterlesen: Problem Paris - die Metropole soll grüner werden.

Gesichter neuer Brüderlichkeit

Wer setzt die Zeichen für Optimismus? Sicher die vielen Menschen, die sich im Zeichen der Bewegung „Nuit debout“ auf der Pariser Place de la République und in anderen Städten versammeln, um in Diskussionen und Hearings Politik neu zum Thema zu machen. Oder Romanautor Michel Houellebecq, der Büchern wie der 2015 publizierten „Unterwerfung“, einer finsteren Vision der Unterordnung der französischen Republik unter die Scharia, ein neues Wertebewusstsein einfordert. Junge Chansonsängerinnen wie Zaz, alias Isabelle Geffroy, geben Frankreich ebenso ein frisches, dynamisches Gesicht wie der Schauspieler Omar Sy, der gemeinsam mit seinem Kollegen François Cluzet in dem Kinohit „Ziemlich beste Freunde“ neu gewonnener Brüderlichkeit ein Gesicht gegeben hat. Überhaupt entwickeln sich Frankreichs Kinokomödien, etwa „Monsieur Claude und seine Töchter“, zum Medium eines Aufbruchs nach vorn. Frankreich hat in seiner Geschichte immer wieder die Kraft zur Neuerfindung der eigenen Gesellschaft bewiesen. Diese Kraft ist jetzt wieder gefordert. Hier weiterlesen: Traumziel der Kunst - die Fondation Maeght wird 50 Jahre alt.