Das Urteil gilt der ganzen Kunstwelt Sechs Jahren Haft für Achenbach: Vertrauensverlust

Meinung – Dr. Stefan Lüddemann | 16.03.2015, 13:15 Uhr

Sechs Jahre Haft für Helge Achenbach: Der Kunstberater büßt für betrügerische Bildverkäufe. Der Vertrauensverlust trifft aber auch die ganze Kunstwelt. Ein Kommentar.

Helge Achenbach geht für mehrere Jahre ins Gefängnis. Diesen Ausgang seines Prozesses vor dem Essener Landgericht hatte der angeklagte Kunstberater selbst schon vorweggenommen. Insofern überrascht das Urteil nicht, erst recht nicht im Hinblick auf den angerichteten Millionenschaden. Allerdings wird nicht nur Helge Achenbach sein wirtschaftlich wie moralisch ruiniertes Leben neu ordnen müssen. Mehr als ein Schatten fällt auf die ganze Kunstwelt - von den Usancen in der Welt der Superreichen ganz zu schweigen.

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Helge Achenbach und Aldi-Erbe Berthold Albrecht hatten Millionen-Deals offenbar ohne Verträge getätigt. Das Image der reichen, aber sparsam wirtschaftenden Albrecht-Dynastie ist seit den Schilderungen rund um die Käufe von sündhaft teuren Kunstwerken und Oldtimern zerstört - ein unglaublicher Rufschaden, der in den Augen vieler sogenannter kleiner Leute die Sphäre der Reichen und Begüterten als eine Welt hemmungsloser Wunschbefriedigung erscheinen lässt. Geht es noch um ehrbare Kaufleute oder haben wir es längst mit einer hauchdünnen Schicht von Menschen zu tun, deren Verhaltensweisen eher an einen Feudaladel erinnert?

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Schaden nehmen aber auch die Kunst selbst und all jene, die für die Zirkulation teurer Gemälde, Fotos oder Skulpturen sorgen. Kunsttransaktionen als eine Verkettung von Deals und Strippenziehereien - so erscheint nun der Kunsthandel in den Augen vieler. Helge Achenbach hat eine ganze Branche in Verruf gebracht. Seine Deals haben schmerzlich klar gemacht, was teure Kunstwerke für viele Superreiche nur noch sind: Luxusartikel, die im Vorübergehen erworben werden. Ob Gemälde von Gerhard Richter, Fotos von Andreas Gursky oder eben Oldtimer-Autos - sie alle erscheinen nun als bloße Konsumware für den ganz, ganz teuren Geschmack.

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Damit ebnen aber ausgerechnet die absoluten Spitzenpreise den Ausnahmecharakter der Kunst ein. Sicher, Kunstwerke sind immer Handelsware. Aber sie sind eben auch mehr als das, nämlich Objekte mit unersetzbarem symbolischen Wert für die Kultur einer Gesellschaft. Diesen Nimbus haben Achenbachs Transaktionen beeinträchtigt. Achenbach und Albrecht sind mit Kunstwerken wie mit Ramschartikeln umgegangen. Das beschädigt die Reputation der zeitgenössischen Kunst selbst, eine Reputation, die sich niemals nur bloßer Preisrekorde verdanken darf. Künstler, Kunsthändler, Kuratoren, Sammler: Sie alle müssen sich überlegen, wie sie den Umgang mit Kunst transparent gestalten und vor allem dafür sorgen, dass nicht der Millionendeal, sondern kulturelle Bedeutung über den Wert von Kunst entscheidet.