Das Superjahr der Kunst startet Kunst schreibt die Agenda der Gegenwart

Von Dr. Stefan Lüddemann | 17.02.2017, 07:00 Uhr

Documenta, Biennale, Skulptur Projekte: Ihr Zusammentreffen macht 2017 zum Superjahr der Kunst. Aber wie sieht es mit der Kunst aus? Fünf Spots zum Einstieg in unsere Serie.

Nur alle zehn Jahre treffen die weltweit einflussreichsten Ausstellungsformate der Gegenwartskunst zusammen. Hunderttausende Besucher pilgern dann zur Kunst. Dabei geht es nicht um Leistungsschauen. Diese Konzepte der Vergangenheit sind passé. Die Großausstellungen in Kassel, Venedig und Münster stehen unter hohem Erwartungsdruck. Denn als Projekte erfinderischer Kuratoren sollen sie jeweils ihr eigenes Statement sein. Dabei geht es nicht nur um den Stand der zeitgenössischen Kunst. Jedes dieser Kunstkompendien soll auch die Agenda der Gegenwart verhandeln. Vor allem die politische Documenta von Adam Szymczyk sorgt für Spannung. Erstmals wird er eine Documenta nicht in Kassel eröffnen. Startort ist Athen. Hier weiterlesen: Das Konzept der Skulptur Projekte - Kuratorin Marianne Wagner im Interview.

Skandale und Superstars

Kunst ist schon lange keine Sache der Spezialisten mehr. Kunst sorgt für Spektakel. Und für Skandale. Der Skandal um den Bilderfälscher Wolfgang Beltracchi, die Betrugsaffäre um den Kunstberater Helge Achenbach, Raubkunst in der Sammlung von Cornelius Gurlitt – drei Stichworte, die zeigen, wie sehr es bei der Kunst auch um Geld und Schuld gehen kann. Zugleich produziert Kunst Medienstars, die wie Erlöser gehypt werden. Das galt nicht nur für den Schamanen Joseph Beuys oder den Medienguru Andy Warhol. Heute lässt Verpackungskünstler Christo Tausende Menschen über das Wasser eines Sees wandeln. Installationskünstler Olafur Eliasson fasziniert Millionen mit künstlichen Sonnen und Wasserfällen. Und Gerhard Richter begeistert mit einem malerischen Werk, das die großen Fragen des Medienzeitalters reflektiert. Künstler sind keine Außenseiter, sie repräsentieren ihre Zeit. Hier weiterlesen: Kunstformat in Münster - was sind eigentlich die Skulptur-Projekte?

Und was ist Kunst?

In diesem Sommer werden Menschen in der Münsteraner City Passanten unvermittelt in Gespräche verwickeln. Zufälle? Nein, Kunst. Xavier Le Roy und Scarlett Yu initiieren ein Kunstprojekt, das flüchtig und leicht daherkommt. Zugleich gibt es kostbare Kunstobjekte, die Millionen bei Auktionen einfahren. 40 Millionen für das Gemälde „Kerze“ von Gerhard Richter, 50 Millionen Pfund für einen mit Diamanten besetzten Totenschädel von Damien Hirst – Kunst regt auf, als Spielzeug der Superreichen. Zugleich scheint der Kunstbegriff ausgedehnt wie nie. Was ist Kunst? Das sagt heute keine schlichte Definition mehr. Was Kunst ist, hängt nicht mehr an den Merkmalen von Bildern oder Skulpturen. Kunst ist eine Frage der Blickrichtung geworden. Was Kunst ist, wird immer wieder neu verhandelt. Das macht die Sache so spannend, weil kontrovers. Hier weiterlesen: Genre der Kunst - was ist eigentlich eine Installation?

Kunst begeistert Menschen

Nie zuvor haben sich so viele Menschen mit Kunst beschäftigt wie heute. Die 1,2 Millionen Besucher, die 2004 die Blockbuster-Schau „Das MoMA in Berlin“ besuchten, markieren nur den Rekordwert eines unglaublichen Interesses an Kunst. Der Kunstbesucher flaniert in der Gruppe an Meisterwerken der Impressionisten vorbei, radelt an Münsters Aasee zu Skulpturen oder macht bei der Performance im eigenen Stadtteil mit. Zeitgenössische Kunst irritiert, ja verstört bisweilen. Das Publikum hat längst seinen Umgang damit gefunden. Aktuelle Kunst ist eine Schule der Toleranz, Ort der Reflexion, Anlass für Kommunikation. Das macht sie so lebendig und lässt sie zu einem Gradmesser kultureller Standards erscheinen. Hier weiterlesen: Große Kunst im Kino - die Welle der Künstlerfilme .

Nur für Superreiche?

Pablo Picasso ließ Galeristen und Sammler, die seine Werke kaufen wollten, im Vorzimmer warten. Der Künstler als Souverän – das gibt es so nicht mehr. Heute bestimmen Sammler den Takt, die global wie Tycoone agieren. Kunst – ein Gadget der neofeudalen Finanzelite? Diese Sicht hat etwas für sich. Kunst verstand sich in der Moderne als autonom. Heute scheint sie in einem neuen Auftragssystem Ausstattungsstücke für Konzerne und Superreiche zu liefern. Aber wo bleibt da die Kunst als Instanz der Kritik, als Medium neuer Sichtweisen? Der Gegenwartskunst droht die Korrumpierung durch das ganz große Geld. Deshalb weichen viele Künstler aus, in Performance oder soziale Aktion. Dort suchen sie, was Kunst sein muss – ein Areal der Alternativen, die in der Gestalt der Kunst sichtbar werden. Dabei gibt es ihn noch, den Streit um die Kunst. Manaf Halbouni richtete drei Busse vor der Dresdner Frauenkirche als Mahnmal für den Frieden auf. Seitdem kocht der Streit um dieses Kunstwerk. Falsch? Nein. Denn so wollen wir die Kunst haben – gern als Streitfall. Hier weiterlesen: Das Auge des Medienzeitalters - Gerhard Richter wird 85 .

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