Das schöne Höflichkeitswort Kein Pardon für das Pardon?

Eine Kolumne von Dr. Stefan Lüddemann | 14.11.2015, 07:30 Uhr

In unserer wöchentlichen Kolumne „Silberblick“ berichtet die Kulturredaktion über mehr oder weniger skurrile Beobachtungen aus Alltag und dem Kulturleben. In dieser Woche fragen wir, warum das Wort „Pardon“ so selten verwendet wird.

Pardon wird nicht gegeben! Kaiser Wilhelms Satz aus der berüchtigten „Hunnenrede“ vom 27. Juli 1900 ist als Zeugnis der Aufforderung zur Grausamkeit in trauriger Weise legendär. Heute müsste es heißen: Pardon wird nicht gesagt. Das ist schade, eröffnet dieses eine Wort doch viele Möglichkeiten zu geschmeidigem Umgang. Denn es signalisiert umsichtiges Verständnis in Situationen, die den Keim zum Konflikt in sich tragen könnten. (Hier weiterlesen: Keimzelle der Hofkultur - der Palazzo Ducale in Urbino). 

Franzosen machen vor, wie das geht. Pardon: Das geht ihnen leicht von den Lippen, etwa dann, wenn sie einander den Vortritt lassen, überhaupt, wenn sie das leiseste Gefühl haben, einem Mitmenschen kurz im Weg gestanden zu haben. Pardon: Mit diesem Wörtchen wird der kleine Vorteil honoriert, den der andere einem im Alltagsverkehr eingeräumt hat. Pardon: Das signalisiert Respekt für die gegenseitige Großzügigkeit – und das Wissen darum, dass sie auf Freiwilligkeit basiert. (Hier weiterlesen: Der Mann der feinen Formen - Marcel Proust) .

Unverständlich also, warum ein Wort so außer Gebrauch geraten scheint, mit dem sich so viel mitteilen lässt. Seine wichtigste Botschaft lautet: Ich bestehe nicht auf meinem Vorteil, ich lasse dir, was auch meines sein könnte. In dem leicht als Höflichkeitsfloskel gering geschätzten Wörtchen liegt die Geste großmütigen Verzichts. Das gilt auch für den militärischen Sinn der Vokabel. Wer Pardon gibt, verschont den überwundenen Feind. Solche Großmut bringt nicht jeder auf. Nicht einmal jeder Kaiser.

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