Das Museum als Geldmaschine? Streit um Baselitz-Bilder: Trügerische Leihgaben

Von Dr. Stefan Lüddemann | 22.07.2015, 09:00 Uhr

Super-GAU in den Museen? Baselitz zieht seine Bilder ab. Das bringt Dauerleihgaben ins Zwielicht. Kunst wird in Museen wertvoller - vor allem für Sammler.

Der Maler Georg Baselitz hat mit seiner Rückholaktion auf den Entwurf des Schutzes von Kulturgut reagiert, den Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) gerade vorbereitet. Betroffen sind mit der Pinakothek der Moderne in München, dem Dresdner Albertinum und den Kunstsammlungen Chemnitz namhafte Museen. Während weiter darüber gestritten wird, ob das neue Gesetz Leihgaben wie die von Baselitz überhaupt betreffen wird, rückt ein anderer Aspekt dramatisch in den Fokus: die Abhängigkeit der Kunstmuseen von privaten Leihgebern. Wichtige Werkblöcke, die in Museen das Rückgrat der Sammlung bilden und Besucher begeistern, werden von privaten Sammlern oder den Künstlern selbst gehalten. Die Häuser selbst können bei Kunstankäufen seit Jahren nicht mehr mithalten. (Hier weiterlesen: Was sagen Auktionsrekorde über die Kunst?) 

Angst vor der Wertminderung

Wie die Reaktionen von Baselitz, aber auch dem weltweit wichtigsten zeitgenössischen Maler Gerhard Richter und Mayen Beckmann, der Enkelin des 1950 gestorbenen Max Beckmann, zeigen, befürchten die Eigentümer von dauerhaft verliehenen Kunstwerken eine Wertminderung ihrer Museumsstücke. Wenn der Kulturschutz greift, dürfen Kunstwerke nur noch innerhalb Deutschlands veräußert werden. Die meist viel lukrativeren Verkäufe oder Versteigerungen im Ausland werden dann unmöglich gemacht. Kulturgutschutz als Wertvernichtung? Auch wenn diese Befürchtung nach Aussage von Monika Grütters bei Dauerleihgaben gegenstandslos ist, so zeigen die hysterischen Reaktionen dennoch, worum es bei Spitzenwerken immer auch geht – um sehr viel Geld. (Hier weiterlesen: Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zum Schutz von Kulturgut) .

Bilder gewinnen an Reputation

Die Kunstmuseen, als Traditionshäuser Garanten kultureller Wertstabilität, erscheinen in dieser Perspektive als Geldmaschinen. Denn Dauerleihgaben gewinnen im Museumskontext kontinuierlich an Wert. Mit dem respektablen Kontext gelangen die Kunstwerke endgültig in den kunsthistorischen Kanon. Keine kulturelle Beglaubigung könnte wertvoller sein. Dauerleihgaben werden konservatorisch betreut, klimatisch perfekt aufbewahrt, über Ausstellungen schließlich interpretiert, eingeordnet, einem großen Publikum bekannt gemacht. All das imprägniert ein Kunstwerk mit einem Wert, der sich gegebenenfalls auch monetär auszahlen kann. (Hier weiterlesen: Gerhard Richters „Tante Marianne“, ein Bild gegen das Vergessen) .

Verkäufe als warnende Beispiele

Der Tag dieser Wahrheit kommt, wenn Dauerleihgaben tatsächlich einmal zu Geld gemacht werden. Die Musterbeispiele lieferten in den letzten Jahren die Verkäufe der Sammlungen von Hans Grothe und von Dieter Bock. Grothe verkaufte seine Kollektion, zu der immerhin ganze Werkgruppen von Sigmar Polke, Gerhard Richter, Markus Lüpertz und eben Georg Baselitz gehört haben, 2005 für rund 50 Millionen Euro an das Sammlerpaar Ströher. Zuvor bildete Grothes Kollektion das Rückgrat des Bestandes im Bonner Kunstmuseum. Der Abzug war ein herber Verlust. (Hier weiterlesen: Diese Kunstwerke prägten das Lebensgefühl der Bundesrepublik) .

„Dauerleihgabe ein trügerischer Begriff“

Noch bitterer fiel der Verlust der Kollektion von Dieter Bock im selben Jahr in Frankfurt für das Museum Moderner Kunst (MMK) aus. Bock zog Leihgaben ab, die eigentlich Museumsdirektor Jean Christophe Ammann mit dem Geld Bocks erworben hatte. Weil er als Käufer auftrat, konnte er, Medienberichten zufolge, Museumsrabatte in Anspruch nehmen. Entsprechend bedeutend fiel die Wertsteigerung aus, als Bock die 500 Werke umfassende Kollektion dann aus dem MMK abzog und veräußerte. Frankfurt vermochte nur wenige der Werke zu halten. Nicht nur mit diesem Geschäft hatte sich das Wort „Dauerleihgabe“, so das Kunstmagazin „art“ als „trügerischer Begriff“ entpuppt. (Hier weiterlesen: Kunst für Erfolgreiche: Jeff Koons im Pariser Centre Pompidou) .

Museen als Durchlauferhitzer?

Kunstmuseen als „Durchlauferhitzer“ für private und dabei vor allem ökonomische Interessen? Die Dresdner Kuratorin Hilke Wagner hat auf den Abzug der Baselitz-Bilder jetzt schnell und überlegt reagiert. An die Stelle von vier Gemälden von Baselitz hängte sie in den Saal ein einziges Bild von Thomas Bayerle. Es zeigt als Motiv das Euro-Symbol. Über solche Gesten hinaus zeigt die Kunstwelt zunehmend Reaktionen auf die Verwertungsinteressen, die sich an die Starkunst knüpfen. Kunstformen wie Performance, Intervention oder Projektarbeit haben auch deshalb Konjunktur, weil sie sich, ähnlich wie früher Konzeptkunst, Fluxus oder Land Art, dem Zugriff des Handels systematisch entziehen. (Hier weiterlesen: Künste unter Verwertungsdruck - eine Bestandsaufnahme) .

Spirale dreht sich weiter

Die Vorsicht ist begründet. Denn das Spiel mit den gefährlichen Dauerleihgaben geht weiter. Nach einem Bericht des Handelsblattes hat sich Sammler Grothe gerade mit der Kunsthalle Mannheim über ein Anselm-Kiefer-Konvolut geeinigt. Grothe erhält im Kunsthallen-Anbau ab 2017 einen eigenen Saal für seine Bilder. Über die Dauerleihgaben sei „sehr nüchtern“ verhandelt worden, heißt es aus dem Museum. Das ist auch anzuraten. Denn das Verwertungskarussell dreht sich munter weiter.