„Spider-Man: Far From Home“ Die Super-Brillenträger: Spider-Man und Mysterio

Von Daniel Benedict | 02.07.2019, 16:17 Uhr

Was war in den „Avengers: Infinity War“ und „Endgame“ eingentlich los? „Spider-Man: Far From Home“ erklärt es: der Blip.

Gerade erst hat „Avengers: Endgame“ zentrale Figuren sterben lassen – und den Tod auf eine Weise ernst genommen, die man den heiteren Comic-Haudraufs nicht zugetraut hätte. Schon aber ist die Betroffenheit von gestern wieder für einen Witz gut: Zum Marvel-Vorspann schmettert Whitney Houston eine Ballade, aus dem Off erklingen Trauer-Plattitüden; dann werden die Namen der Endgame-Toten eingeblendet. Fast zweifelt man an der Geschmackssicherheit des Studios, da entpuppt der Beitrag sich als Werk der TV-AG von Peter Parkers High-School. Lustig!

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Die Marvel-Welt nach dem Blip

Ganz nebenbei erklärt der Einspieler außerdem die Welt nach dem „Blip“: Vor fünf Jahren hat Thanos jedes zweite Lebewesen des Universums ermordet; nach dem Zeitreise-Kampf der Avengers sind alle Verstorbenen wieder da, das allerdings, ohne gealtert zu sein. Einst jüngere Geschwister sind nun die älteren. Die Häuser der Heimkehrer, haben längst neue Bewohner. In einem Wort: Mit dem Blip präsentiert „Spider-Man: Far From Home“ eine spektakuläre Idee – und wischt sie mit zwei Gags vom Tisch, um was vollkommen anderes zu erzählen. Blockbuster können unendlich frustrierend sein.

Super-Brillenträger: Spidey und Mysterio

Tatsächlich handelt der Film natürlich nicht von den interessanten Problemen nach einer Rettungsmission, sondern von den immer gleichen Scharmützeln während des nächsten Weltuntergangs. Und das, obwohl nicht mal Spider-Man selbst Lust darauf hat, schon wieder zu kämpfen. Er ist auf Klassenfahrt und schon mit der Liebeserklärung überfordert, die er in seiner Alltagsidentität als Peter Parker der Schulfreundin MJ (Zendaya) machen will. Dann allerdings zerstören die Elementals – Supermonster aus Wind, Wasser und Feuer – Europas touristische Hotspots. Und Peter Parker erbst aus Iron Mans Nachlass eine Superbrille, die ihn zum Nachfolger der Legende macht. Es sei denn, er gibt die Verantwortung an einen aus dem Nichts erschienen Helden weiter: an Mysterio.

Immer diese Story-Twists

Nach dem selbstironischen Einstieg lässt Jon Watts, der schon „Spider-Man: Homecoming“ (2017) inszenierte, gewaltig die Luft raus: High-School-Gags um Flirts und doofe Lehrer, Sightseeing in Venedig und Prag, das Feuermonster beim Karneval und Jake Gyllenhaal als Mysterio: Das alles wirkt unsagbar konventionell, besonders nach dem erzählerischen Höhepunkt des letzten Films. Thematisch umkreist „Far From Home“ die Frage, wer man ist und wer man stattdessen gern wäre: Peter Parker fürchtet die Heldenrolle, sein Gegner maßt sie sich an. Um seinen Narzissmus zu befriedigen, bemüht der geheime Antagonist eine gewaltige, erst im zweiten Teil des Films enthüllte Maschinerie. Und im Kino fragt man sich die ganze Zeit: Warum? Wozu der Aufwand? Um sich unwiderstehlich zu finden, muss heute doch nur noch behaupten, dass man der weltbeste Golfer ist und mehr Zuschauer hatte als Obama.

Leider kann man nur sehr abstrakt über den Schurken schreiben. Wer ihn beim Namen nennt, verrät einen der massiven Drehbuch-Twists. Schon in der Mitte reißt der Film einem nämlich den Boden unter den Füßen weg. Im Nachhinein erweist die Volte sich dann als beinahe harmloses Vorspiel für die Schlusstitel-Szenen, die das Marvel-Universum noch tiefer erschüttern. Auch das trägt übrigens zur schwachen Wirkung bei: „Far From Home“ nimmt mehrmals die eigene Geschichte zurück, um Spannung für das Kommende aufzubauen – und macht sich selbst dabei umso mehr zur Luftnummer.

„Spider-Man: Far From Home“. USA 2019. R: Jon Watts. D: Tom Holland, Jake Gyllenhaal, Zendaya, Samuel L. Jackson, Jon Favreau, Marisa Tomei, Jacob Batalon. 129 Minuten.

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