Das Konzept für die Documenta Hotspot Athen: Von der Klassik zur Krise?

Von Dr. Stefan Lüddemann | 27.03.2017, 18:35 Uhr

„Von Athen lernen“: Der Titel der Documenta 14 ist mehr als ein Motto. Es geht um einen neuen Blick auf Europa. Kurator Hendrik Folkerts und Kunstvermittlerin Clare Butcher aus dem Team von Documenta-Leiter Adam Szymczyk erklären das Konzept der neuen Ausgabe der Weltkunstschau 2017.

Die neue Documenta soll ihre Ecken und Kanten haben. „Kunst ist keine Form der Diplomatie. Kunst ist dafür da, die Dinge von allen Seiten aus sichtbar werden zu lassen. Dieser Gesichtspunkt leitet auch die Konzeption der documenta 14“, sagt Hendrik Folkerts im „Peppermint“, dem Treffpunkt für Documenta-Vermittler in der Unteren Karlsstraße gleich hinter dem Museum Friedricianum, dem zentralen Ort der Kunstschau. Zum ersten Mal seit ihrer Gründung 1955 wird das Kasseler „Museum der 100 Tage“ nicht nur einen veritablen zweiten Spielort haben. Athen wird auch den Zeittakt vorgeben und die ersten Bilder der neuen Documenta liefern. Hier startet die Kunstschau bereits am 8. April (bis 16. Juli). Die Eröffnung in Kassel folgt am 10. Juni (bis 17. September). Hier weiterlesen: Von Athen lernen - Documenta plant den Kunsttransfer.

Documenta mit zwei Orten

Zwei Orte, zeitversetzte Laufzeiten – das ist mehr als eine ausgefallene Kuratorenidee. Folkerts, der unter anderem am renommierten Amsterdamer Stedelijk Museum tätig war, sieht Athen als Chance, die europäische Idee neu zu erzählen. Einst lieferte das antike Athen das Kunstideal der deutschen Klassik, heute wird Griechenlands Metropole vor allem als Ort der Krise kontrovers wahrgenommen. Für Folkerts liegt darin ein herausfordernder Kontrast. Höchste Zeit also für einen Perspektivenwechsel. „Wir leben in einer Welt, in der alles mit allem verbunden ist. Das gilt auch für die Politik. Neofaschismus und Populismus treiben einander gegenseitig voran. In dieser Situation ist es besonders wichtig, von anderen Orten zu lernen“, umreißt der Kurator die Idee der Documenta 14. Hier weiterlesen: Kunst schreibt die Agenda der Gegenwart.

Vokabular des Dialogs

Lernen, Geduld, Perspektivenwechsel: Wer mit den Documenta-Machern spricht, erfährt keine Künstlerliste, sondern lernt ein Vokabular des Dialogs. Das gilt auch für Clare Butcher, die stellvertretende Leiterin des Vermittlungsprogramms. „Kunst provoziert Vielstimmigkeit. Es ist im Kontext der Kunst nicht möglich, eine objektive Position einzunehmen“, macht die junge Frau aus Zimbabwe klar. Butcher sieht die Documenta-Kunst nicht als Thema bloßer Wissensvermittlung. Besucher sollen sich im Kontakt mit der Kunst vor allem besser erfahren, sie sollen auch ihren Standort in der Welt anders spüren und reflektieren. Hier weiterlesen: Böse Pointen - Düsseldorf zeigt Documenta-Klassiker Marcel Broodthaers.

„Viele Stimmen hörbar“

Gerade an diesem Punkt stimmt Hendrik Folkerts voll zu. „Das Publikum erwartet für die documenta 14 eine eindeutige Botschaft. Wir wollen aber keine einsträngige Ausstellung zeigen, sondern viele Stimmen hörbar machen“, sagt er. Hört sich so das Statement von Ausstellungsmachern an, die sich vor der Eröffnung ihrer Schau nicht allzu sehr in die Karten schauen lassen wollen? Sicher, Wortnebel und Diskursgewaber gehören in das Vorfeld jeder Documenta. Die umständlich klingenden Statements von Documenta-Chef Adam Szymczyk umkreisen aber eine Ausstellungsidee, die helfen könnte, den Klassiker Documenta wieder einmal völlig neu zu erfinden. Raus aus der Komfortzone: So lautet die Idee. Hier weiterlesen: So funktioniert moderne Kunst: Kunst und ihre Orte.

Ein Stück Athen in Hessen

Wer von Athen auf Europa blickt, verschiebt automatisch die Blickachsen – weg vom prosperierenden Norden hin zu dem von Krisen gebeutelten Süden der Gemeinschaft. „South“, Süden, lautet der bezeichnende Titel des Magazins, das im Vorfeld der Documenta 14 in mehreren Ausgaben erscheint. Die Weltkunstschau 2017 wird politisch sein, allerdings gerade nicht im Sinn eindeutiger Aussagen. Clare Butcher votiert für eine Kunstvermittlung, die auch den Körper der Besucher mit einbezieht, in ihm ein legitimes Mittel der Erfahrung sieht. Und Hendrik Folkerts spricht für eine Kunst, die fern vom Markt, aber nah am Menschen sein soll. Das schließt große Projekte im Außenraum ein. Mit dem „Parthenon der Bücher“ von Marta Minujín wird der Kasseler Friedrichsplatz bespielt werden. Ein Stück Athen in Hessen? Das wäre ein Bild, das bleibt. Hier weiterlesen:

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