Christof Loy inszeniert „Die Frau ohne Schatten“ Ehekrieg mit vielen Verlierern

Von Ralf Döring | 31.07.2011, 13:11 Uhr

Die „Frau ohne Schatten“ als Spiel mit Realitätsebenen: Diese Idee legt Christof Loy seiner Inszenierung für die Salzburger Festspiele zugrunde. Ein Konzept, für dessen Realisation es Buhs hagelt. Dafür erntet Dirigent Christian Thielemann Ovationen.

Die „Frau ohne Schatten“ ist wie gemacht für die Salzburger Festspiele: Das Libretto vom „Jedermann“-Dichter Hugo von Hofmannsthal, die Handlung ein wenig schwülstig und trotzdem wertkonservativ, die Musik ein Rausch – so etwas liebt das Publikum hier. Christof Loy jedoch entzaubert das Stück gründlich. Er verlegt die Handlung nach Wien, in die Sophiensäle.

Dort entstanden legendäre Opernaufnahmen, und genau in diese Situation hinein verpflanzt Loy die Oper. Der k.u.k.-Pomp auf der Bühne von Johannes Leiacker wird zur Staffage; eigentlicher Ort des Geschehens ist ein Podest mit abgezählten Quadraten: das Schachbrett, auf dem ein Aufnahmeleiter, der Klangdramaturgie gehorchend, seine Personen hin und her schiebt.

Die 1955er-Aufnahme der Oper unter Karl Böhm bildet den Hintergrund für dieses Setting. Doch das erklärt lediglich, warum die Sänger im dicken Mantel herumsitzen: Es muss während der Aufnahmesessions bitterkalt gewesen sein.

Loy zielt in eine andere Richtung. Die Sängerin der Kaiserin – Anne Schwanewilms lässt ihr berührende Töne mit glockenreinem Sopran zukommen – identifiziert sich mit der Rolle, bis die Grenze zur Realität verschwimmt und die Sängerin zusammenbricht. Natalie Portman hat sich in einer ähnlich gelagerten Geschichte als obsessive Tänzerin in „Black Swan“ einen Oscar erspielt.

Loy drängt die Kaiserin indes an den Rand der Geschichte, und der Psychothriller spielt nicht auf der Bühne, sondern im Graben, wo Christian Thielemann die Wiener Philharmoniker zu höchster Dramatik anfeuert. Kammermusik trifft auf großorchestrale Wucht, Rosenkavaliersseligkeit stößt an die Grenze zur Atonalität, Innigkeit zerbirst in Hysterie – während der Erste Weltkrieg tobte, schuf Strauss seine vielleicht beste Partitur. Thielemann nun untermauert seinen Ruf als der Strauss-Spezialist unserer Tage schlechthin, fördert fein ziselierte Tongespinste zutage, modelliert, komprimiert, bis sich Klangexplosionen entladen, die das Große Festspielhaus förmlich erzittern lassen.

Damit gestaltet er den Ehekrieg zwischen dem Färber Barak und dessen Frau, der sich auf einer zweiten Ebene im Drama zwischen den Darstellern des Paares spiegelt. Evelyn Herlitzius als Färbersfrau stellt ihn mitreißend dar, wenn auch mit schrill flackernden Spitzen ihres Soprans. Wolfgang Koch überzeugt dagegen mit klarer Diktion als Barak: Seine Milde wirkt brutaler als seine offen zutage tretende Gewalttätigkeit.

Wenn die Eheleute mit dem Beil aufeinander losgehen, reißt der Abend mit. Doch zumeist wähnt man sich eher in einem Oratorium, als einer vielschichtigen Oper des kongenialen Duos Strauss/Hofmannsthal. Stephen Gould kommt das entgegen: Als Kaiser kann er sich voll auf seinen voluminösen Tenor konzentrieren. Michaela Schuster als Amme glänzt ebenfalls mit dramatischer Stimme, ihre handlungstreibende Funktion als böse Hexe läuft hingegen ins Leere – weil Loy den Herausforderungen des vielschichtigen Stoffes ausweicht und seine eigene Geschichte auch nur halbherzig erzählt. Das lässt der Musik viel Raum, aber der Thriller bleibt auf der Strecke. Und die Oper auch.