Charmante Komödie „Wir sind die Neuen“: WG-Duell Jung gegen Alt

Von Tobias Sunderdiek | 17.07.2014, 09:25 Uhr

Neu im Kino: In Ralf Westhoffs amüsanter WG-Komödie „Wir sind die Neuen“ wird der Generationenvertrag neu verhandelt. Und das nicht nur bei einer Flasche Rotwein am Küchentisch, sondern auch als Etagenkrieg.

„Hoffentlich kiffen sie nicht ständig. Das habe ich nämlich schon hinter mir.“ Als Anne (Gisela Schneeberger) ihre neuen Nachbarn besucht, glaubt sie zunächst noch, dass die Studenten-WG ein Stockwerk höher einen ähnlichen Lebensentwurf hat wie sie früher. Also etwa vor 30 oder 35 Jahren.

Arrogante Schnösel

Doch sie und ihre beiden neuen Mitbewohner und ehemaligen Ko-Kommunarden Eddi (Heiner Lauterbach) und Johannes (Michael Wittenborn), die nun zusammenziehen, werden eines Besseren belehrt: Vor ihnen stehen arrogante Schnösel. Karrieregeil, selbstbezogen, strebsam. „Rollkofferträger“ nennt sie Anne, weil sie im Berufsleben ständig „Richtung Flughafen“ unterwegs sind.

Dennoch: Die jungen Leute werden nicht nur von Erfolgswillen getrieben, sondern auch von Angst. Etwa vor Altersarmut. Und nun wohnt ihr Negativvorbild auch noch direkt eine Etage tiefer.

Denn wenn die Alt-68er etwas nicht haben, dann ein finanzielles Polster. In einer gnadenlos teuren Stadt wie München ist das natürlich ein großes Manko. Doch so langsam gerät auch die Sicht der älteren Semester nach dem Motto „Trau keinem unter 30“ ins Wanken. Und die Jungen? Können sie von den rüstigen Rentnern noch Rüstzeug fürs Leben erhalten?

„Und wenn wir alle zusammenziehen? “ – so hieß 2012 ein französischer Film, der, unter anderen mit Jane Fonda, Pierre Richard und Daniel Brühl besetzt, sehr ähnliche Fragen stellte und fast identische Lebensentwürfe aufzeigte. Doch statt französischer Verhältnisse unter Luxusrentnern zeigt Regisseur und Autor Ralf Westhoff zwischen den Bildern stets die Realität der deutschen Gesellschaft, die leider mehr durch ökonomische Zwänge als durch Ideale geprägt ist und in der „Überalterung“ meist wie ein Schimpfwort klingt.

Jung gegen Alt: Dass ein solches Duell am Ende keine Sieger hervorbringt, das zeigt „Wir sind die Neuen“ dabei auf die denkbar charmanteste Art und Weise. Und auch wenn der Film nicht ganz verhehlen kann, dass er eher wie ein typisches 20.15-Uhr-Fernsehspiel aussieht (Koproduzent sind die ARD und der BR), so muss man Ralf Westhoff nach seinen ersten beiden Langfilmen „Shoppen“ (2006) und „ Der letzte schöne Herbsttag “ (2010) vor allem eins bestätigen: großes Talent. Und das nicht nur für treffsichere Dialoge und Pointen, sondern auch für (wenngleich mitunter etwas vorhersehbar platzierte) tragische Momente und ein wieder mal grandios aufspielendes und geführtes Schauspielerensemble.

Ein Wermutstropfen bleibt allerdings: Das Ende des Films steuert dann doch etwas zu geradlinig auf einen versöhnlichen Schluss zu. Aber für einen Kinofilm ist das wohl legitim.

Also doch: Wir können auch anders! Angesichts von Brecheisen-Komödien mit Til Schweiger oder Matthias Schweighöfer ist „Wir sind die Neuen“ endlich mal eine deutsche Komödie, die kein Trauerspiel ist. Einen ähnlichen Erfolg hätte der Film auf alle Fälle verdient.

Wir sind die Neuen“. D 2014. R: Ralf Westhoff. D: Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach, Michael Wittenhorn, Claudia Eisinger, Karoline Schuch, Patrick Güldenberg. 91 Minuten. FSK: o.A.