Buch „Durch Mauern gehen“ Marina Abramovic: Autobiografie des Kunststars

Von Dr. Stefan Lüddemann | 22.11.2016, 17:21 Uhr

Sie ist ungekrönte Königin der Performance und Weltstar der Kunst: Marina Abramovic. In ihrer Autobiografie „Durch Mauern gehen“ verrät sie das Geheimnis einer Kunst als Provokation und Risiko.

Sie hat sich einen Stern in die Bauchhaut geschnitten, blutige Rinderknochen abgeschrubbt oder nackt auf Eisblöcken ausgeharrt: Marina Abramovic kämpft sich mit der Härte einer Soldatin der Avantgarde durch ihre Performances, mit denen sie seit Jahrzehnten für Furore sorgt. „Durch Mauern gehen“ betitelt sie ihre Autobiografie. Die Schallmauer, die den Ruhm der Kunstwelt vom Nimbus des weltweit verehrten Popstars trennt, hat sie 2010 endgültig durchbrochen. Mit ihrer Performance „The Artist is present“ im New Yorker Museum of Modern Art faszinierte sie seinerzeit nicht nur 750000 Besucher. Zu den rund 1500 Menschen, die während der 721-Stunden-Performance an ihrem Tisch Platz nahmen und den Blickkontakt zur härtesten aller Künstlerinnen wagten, gehörten Popstars wie Lady Gaga, Sharon Stone und Björk. Kunst ist heute hip. Das ist gerade ein Verdienst von Marina Abramovic und ihrer Kunst des ungebremsten Risikos. Hier weiterlesen: Sie will 100 werden - der Kunststar Marina Abramovic. 

Ängste und Niederlagen

Für ihre Autobiografie, die pünktlich zum 70. Geburtstag der in Belgrad geborenen Abramovic am 30. November 2016 auf den Markt kommt, hat sie sich stundenlang mit James Kaplan zusammengesetzt und nicht nur von ihrem Werk erzählt, sondern auch von Ängsten und Niederlagen berichtet, ja sogar ein wenig das Herz der immer wieder von ihren Lebenspartnern verlassenen Frau ausgeschüttet. Das Buch enthält weniger den gerundeten Roman eines Lebens als das Protokoll eines einzigen Bekenntnisses. In farbiger Episodenreihe erzählt Abramovic von ihrem dreifachen Weg. Dieser Weg führt sie aus dem Jugoslawien Titos in den Westen nach Amsterdam und New York, von dem Mädchen, das sich in selbst geschneiderten Kleidern aus Vorhangstoff unwohl fühlt, zu jener Frau, die in Roben von Modeschöpfer Givenchy im Scheinwerferlicht steht. Und von der jungen Akademie-Malerin hin zu jener Künstlerin, die das Genre der Performance mit ihren rückhaltlosen Selbstauslieferungen an das Publikum zum eindringlichen, ja brisanten Live-Erlebnis macht. Hier weiterlesen: Fragen und Fakten: Was sind eigentlich die „Skulptur-Projekte“ in Münster? 

„Kunst muss Leben sein“

„Performance war das Leben. Mehr und mehr gelangte ich zu der Überzeugung, dass Kunst das Leben sein muss“: Marina Abramovic erzählt in ihrem Buch hautnah, wie sie diese Überzeugung in Projekte umsetzte, die allesamt Kunstgeschichte geschrieben haben. „Rhythm 0“: 1974 legt Marina Abramovic in Neapel Objekte von Nadel bis Pistole auf einen Tisch und liefert sich nackt dem Publikum aus. Sechs Stunden lang dürfen die Besucher alle verfügbaren Waffen gegen die Künstlerin einsetzen. „The Lovers“: 30 Tage lang wandern Abramovic und ihr damaliger Kunst- und Lebenspartner Ulay 1989 von den entgegengesetzten Enden der Chinesischen Mauer aufeinander zu. Am Treffpunkt in der Mitte trennt sich das Künstlerpaar, das seit 1976 zusammengearbeitet hatte. „Balkan Baroque“: 1997 schrubbt Abramovic auf der Biennale von Venedig blutige Rinderknochen. Für ihr Schauerstück über den selbstmörderischen Balkankrieg erhält sie den Goldenen Löwen des Kunstfestivals. Hier weiterlesen: Was ist eigentlich eine Installation? Der Hintergrund zum Kunstformat. 

Tochter von Partisanen

Kunst als Risiko, Kunst als Konflikt, Kunst als langer Marsch: Marina Abramovic, Tochter eines jugoslawischen Partisanenpaares, zelebriert Performance mit einer Mischung aus Kampf und Pathos. Und sie etabliert die Kunstform in der zeitgenössischen Kultur. Unter dem Titel „Seven Easy Pieces“ führt sie 2005 im New Yorker Guggenheim-Museum Performances berühmter Künstlerkollegen von Bruce Nauman über Valie Export bis zu Joseph Beuys wieder auf und macht Performance damit endgültig zum musealen Standard. Zum Durchgang durch ein gutes Stück Kunstgeschichte gehört der Weg einer Frau, die Männer liebt und sich von ihnen emanzipiert, die Liebeskummer heilt, indem sie sich einen Hosenanzug von Yamamoto gönnt, die zu indischen Gurus und australischen Aborigines aufbricht. Hier weiterlesen: Maria José Arjona - die Mitarbeiterin von Abramovic im Gespräch. 

Ein faszinierendes Rätsel

Abramovic geizt nicht mit Bekenntnissen jener privaten Katastrophen, die ihre künstlerischen Höhenflüge bestürzend oft begleiteten. In einem Punkt allerdings bleibt die Künstlerin einsilbig: Wie funktioniert das Kunstgeschäft? Wie avanciert man zu einer Weltmarke der Kunst? Abramovic nennt viele Namen von Documenta-Leiter Jan Hoet bis Kuratoren-Guru Klaus Biesenbach. Aber die Geheimnisse ihrer erfolgreichen Strategie plaudert sie nicht aus. „The Artist is present“: Am Ende sitzt da eben nur die Künstlerin - schweigend, von raumsprengender Präsenz, vielen ein faszinierendes Rätsel. Hier weiterlesen: Kunstformat in Münster - was sind eigentlich die Skulptur-Projekte?