Bildhauer erneuerte die Skulptur Stiller Star der Kunst: Reiner Ruthenbeck gestorben

Von Dr. Stefan Lüddemann | 28.12.2016, 14:15 Uhr

Reiner Ruthenbeck ist tot. Der Künstler avancierte mit seinen Raumobjekten zum stillen Star der Kunstszene. Ruthenbeck nahm vier Mal an der Documenta teil. Er wurd 79 Jahre alt.

Er ließ Tische auf gebogenen Stahlstäben schweben, türmte Aschehaufen in Museumsräume, versteifte Stoffstreifen mit Metallstücken zu fragilen Skulpturen: Reiner Ruthenbeck war ein Neuerer der Raumkunst und der Skulptur. Ruthenbecks Ruf erreichte selten die breitere Öffentlichkeit. Mit seinen ebenso ironischen wie innovativen Kunstideen avancierte er dennoch zu einem der einflussreichsten Bildhauer der letzten Jahrzehnte - und mit immerhin vier Teilnahmen an der Kasseler Documenta 1972, 1977, 1982 und 1992 zu einem der stillen Stars der Szene. Leise ist er jetzt auch gegangen. Eine Traueranzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung weist bereits den 10. Dezember 2016 als Todestag aus. Hier weiterlesen: Genre der Kunst - was ist eigentlich eine Installation?

Start als Beuys-Fotograf

Ruthenbeck startete als Fotograf, der heute legendäre Kunstereignisse wie Aktionen von Joseph Beuys begleitete. Von 1962 bis 1968 studierte der 1937 in Velbert geborene Ruthenbeck dann selbst ein Bildhauerstudium bei Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie. Von 1980 bis 2000 war der Künstler dann seinerseits als Professor an der Kunstakademie in Münster aktiv. Ruthenbeck nahm an den stilbildenden Ausstellungen „When attitudes become form“ 1969 in Bern und „Chambres d´Amis“ 1986 in Gent der späteren Documenta-Leiter Harald Szeemann und Jan Hoet teil. Auf bei „Westkunst“ 1981 in Köln und „Von hier aus“ 1984 in Düsseldorf, zwei Drehkreuzen dynamischer Kunstentwicklung, steht er auf der Künstlerliste. Ruthenbeck agierte leise, aber wirkungsvoll im Sinn eines erneuerten Begriffs der Skulptur. Hier weiterlesen: Große Kunst im Kino - die Welle der Künstlerfilme .

Virtuose des Materials

Mit seinen reduzierten Konzepten gehörte der Künstler zur Minimal Art. Als Virtuose vieler Materialien von Asche, Stoff, Metall, Glas, Papier, Licht und vielem anderen mehr wurde er zum deutschen Pendant der italienischen Arte Povera. Ruthenbeck hat den Begriff der Skulptur entscheidend neu geprägt. Seine schwebenden Tische, Aschekegel, „Verspannungen“ und „Aufhängungen“, bei denen Ruthenbeck Textil und Metall kombinierte, veränderten die Sicht auf Material, eröffneten neue Optionen für Rauminstallationen und prägten die Vorstellung von Skulptur neu. Seine auf den ersten Blick beiläufig wirkenden Arbeiten erwiesen sich schnell als bildmächtige Klassiker ihrer Zeit. Hier weiterlesen: Kunststars im Gespann - Museen setzen auf Konflikt.

Lodenfahne über Fahrrädern

Zweimal wurde der Künstler folgerichtig zu den Skulptur-Projekten in Münster eingeladen. 1987 installierte Ruthenbeck im Lichthof des Landesmuseums das Werk „Lodenfahne“ , eine meterhohe Textilfahne, die in weiten Bauschungen auf ein Rondell aus Fahrrädern niederfiel. Theatralisch und ironisch zugleich war diese Installation - so wie Ruthenbecks ganzes Werk. Wer „Lodenfahne“ einmal gesehen hatte, behielt das Bild dieser Installation für immer im Kopf. So leise und zugleich nachdrücklich funktionierte die Kunst Reiner Ruthenbecks. Hier weiterlesen: Kunstformat in Münster - was sind eigentlich die Skulptur-Projekte?

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