Bernard Haitink dirigiert die Fünfte Salzburger Festspiele 2014: Wie bewegend ist eine Bruckner-Sinfonie?

Von Ralf Döring | 31.07.2014, 19:23 Uhr

Die Salzburger Festspiele leisten sich in diesem Jahr einen exklusiven Zyklus mit allen Sinfonien von Anton Bruckner. Einen Höhepunkt haben dabei der niederländische Dirigent Bernard Haitink und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gesetzt.  

Ruhig geht Bernard Haitink zum Dirigentenpult im Großen Festspielhaus. Ein Hocker steht da; der niederländische Maestro ist 85 Jahre alt und Anton Bruckners fünfte Sinfonie knapp 80 Minuten lang . Doch Haitink ist fit; zwischen den Sätzen setzt er sich kurz, dann steht er wieder vor dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, gibt seine Einsätze: ruhig, klar, schlicht.

Hochachtung, ja: Demut vor dem Werk spricht aus Haitinks Gesten, aber auch Souveränität: Knappe Bewegungen mit dem Dirigierstab in der Rechten geben Orientierung, die sparsam eingesetzte Linke formt. Ein kleiner Impuls genügt da, und wie aus dem Nichts erwachsen monumentale musikalische Blöcke. Und um eine musikalische Phrase ausklingen zu lassen, schließt Haitink die Finger der linken Hand zu einem kleinen Kreis – so organisiert Haitink das Werk.

In keiner seiner Sinfonien hat Bruckner Motive stärker miteinander verwebt, die Sätze enger aufeinander bezogen, und das Finale zählt zu den größten Schöpfungen der gesamten klassischen Musikliteratur. Während Bruckner allerdings seine anderen Sinfonien immer wieder umgearbeitet hat, meist, um sie auf Anraten von Ver legern kürzer und damit marktkonformer zu machen, blieb die Fünfte nach ihrer Fertigstellung 1878 unverändert. Zu dem Preis, dass Bruckner sie lediglich in einer Fassung für zwei Klaviere gehört hat. Die Uraufführung fand erst 1935 in München statt.

Bedeutende Orchester führen dieses Jahr bei den Salzburger Festspielen alle neun Sinfonien Bruckners auf. Die zentrale Fünfte wird dabei nicht dem Hausorchester Wiener Philharmoniker, sondern den Gästen vom Bayerischen Rundfunk anvertraut. Die erweisen sich der Ehre würdig: Mit einem transparenten Orchesterklang, hervorragenden Solisten und höchstem Engagement setzen sie Haitinks Vorstellungen um. Sanft hingehaucht entsteht ein erster, an Mozarts „Requiem“ erinnernder Klangschleier, den markige Bläserfanfaren kontrastieren: Daraus erwächst der erste Satz. Die dunkle Lyrik des zweiten Satzes entsteht aus einem wunderbar geblasenen Oboensolo, dem Sarkasmus im Scherzo steht naive Ländlermelodik gegenüber: eine spannende Entwicklung. Dann schlägt die Sinfonie den Bogen zurück zum sanften Beginn, und die Klarinette eröffnet mit sarkastischen Einwürfen die Tür zum grandiosen Finale. Souverän dröselt Haitink das kontrapunktische Riesengeflecht auf, bereitet Höhepunkte vor, lässt im mächtigen Bläserchoral Pathos zu – und führt vor Ohren, wie das musikalisch Erhabene klingt: genau so.