Berlinale 2017 Rückkehr nach Montauk: Schlöndorff verfehlt Frisch

Von Daniel Benedict | 15.02.2017, 20:30 Uhr

Volker Schlöndorff hält Frischs „Montauk“ für unverfilmbar und betont: Sein Berlinale-Beitrag „Rückkehr nach Montauk“ ist keine reine Adaption. Stimmt. Aber immer noch nah genug dran, um die Erzählung sehr viel besser zu finden.

Als Volker Schlöndorff seine Verfilmung von „Homo Faber“ (1991) vorbereitete, lebte Max Frisch (1911-1991) noch. Und beide waren sich einig, berichtet der Regisseur heute, dass die Erzählung „Montauk“ als Stoff für eine weitere Adaption nicht infrage kommt. „Viel zu autobiografisch, zu essayistisch“, sei das Buch. Den „Montauk“-Film, den er 26 Jahre später nun doch gedreht hat, versteht er deshalb ausdrücklich nicht als Verfilmung. Der dritte deutsche Beitrag zum Berlinale-Wettbewerb, basiert auf einem Original-Drehbuch, das der Regisseur mit dem Iren Colm Tóibín geschrieben hat. (Berlinale 2017: Richard Gere trifft auf Angela Merkel – nur Polit-PR?)

Die sprunghafte Essayistik, die Frischs Erzählung in Tagebuch-Episoden, Aphorismen und Exkurse zergliedert, weicht dabei einer stringenten Handlung. Übernommen ist vor allem die Grundkonstellation: Ein europäischer Schriftsteller auf Lesereise in New York verbringt ein Liebeswochenende im Örtchen Montauk auf Long Island – und lässt dabei seine vergangenen Beziehungen Revue passieren. Im Buch löst Frischs kurze Affäre mit einer jungen Verlagsangestellten Erinnerungen an die Beziehungen zu seiner Frau Marianne und zu Ingeborg Bachmann aus. Der Max des Films (Stellan Skarsgård) dagegen betrügt seine aktuelle Freundin Clara (Susanne Wolff) mit einer Ex-Partnerin: Max trifft in Montauk nach 16 Jahren wieder auf Rebecca (Nina Hoss), die er immer noch liebt.

Aber wen genau liebt er eigentlich? Rebecca oder seine Idee von ihr? Das klassische Frisch-Thema, das Schlöndorff und Tóibín hier durchspielen, ist die Liebe als Projektion – für die gerade ein Schriftsteller wie Max anfällig ist. Sein neuer Roman fiktionalisiert die Beziehung zu Rebecca; und als die Porträtierte das Buch überfliegt, fallen ihr nur die Abweichungen auf. Und Rebecca widerspricht nicht nur ihrem literarischen Bildnis; sie wehrt sich auch gegen die Vorstellung, die Max sich im wirklichen Leben von der gemeinsamen Zeit gemacht hat.

Anders als im Buch, das nur Frischs Selbstreflexion abbildet, bekommt die Hauptfigur damit ein echtes Gegenüber. Eigentlich müsste das eine Stärke sein. Tatsächlich fragt man sich in Schlöndorffs dialoglastigem Film vor allem, warum Max‘ Frauen ihn Partner erst jetzt mit ihrem Widerspruch konfrontieren. Je mehr er begreift, dass die Frauen nicht für seine romantische Vorstellung von der Liebe bereitstehen, desto kläglicher guckt Stellan Skarsgård aus der Wäsche. So wird „Rückkehr nach Montauk“ zur Geschichte einer Demontage, bei der der Blick von außen Max‘ Selbstwahrnehmung beschädigt.

Vielleicht sperrt man sich gegen diese Annäherung an Max Frisch auch, weil es der Identifikationsfigur die Deutungshoheit und damit auch den mit dem Nimbus des überlegenen Denkers nimmt. Wenn Schlöndorff die Selbstzweifel der Hauptfigur zu Vorwürfen der anderen umformt, macht er seinen Max aber nicht nur dümmer als den der Vorlage. Er ignoriert auch das eigentliche Erzählanliegen: Frischs Befragung der Vergangenheit, seine Skepsis, ob aktuelle Beziehungen bloß die alten fortsetzen, ob Identität nur ein Rollenspiel ist – all das dient in der Erzählung dazu, das Jetzt zu verstehen: „Ich möchte diesen Tag beschreiben, nichts als diesen Tag, unser Wochenende und wie‘s dazu gekommen ist, wie es weiter verläuft.“ Schlöndorff verweigert jetzt nicht nur die essayistische Form; seine Postkarten-Bilder der Originalschauplätze verfehlen auch Frischs Gegenwartswahrnehmung. Das Buch beschwört sie immer wieder – einmal beispielsweise in der Beschreibung des Gefühls vom nassen Holz an nackten Füßen. Auch Schlöndorff lässt seinen Hauptdarsteller barfuß auf die Veranda treten – sinnlicher wird der Film dadurch aber nicht. Das Bild könnte auch eine Anspielung auf den Ko-Produzenten sein, Til Schweigers Barefoot Films. (Berlinale 2017: Wie gut ist „T2 Trainspotting“?)