Berlinale 2017 Arslans „Helle Nächte“: Ein Film wie ein Blick aus dem Fenster

Von Daniel Benedict | 13.02.2017, 17:30 Uhr

Feinfühlig oder einfach nur öde? Thomas Arslans „Helle Nächte“ ist der erste deutsche Beitrag zum Berlinale-Wettbewerb.

Mit Thomas Arslans „Helle Nächte“ ist der erste deutsche Beitrag zum Wettbewerb der Berlinale 2017 gelaufen.

„Helle Nächte“ von Arslan – sensibel oder langweilig?

An Thomas Arslans „Helle Nächte“ werden sich die Geister scheiden; und eine Sequenz können Anklage wie Verteidigung gleichermaßen für ihre Beweisführung heranziehen: drei Minuten, in denen die Kamera nichts als den Blick aus der Windschutzscheibe eines Autos zeigt, das durch Norwegens neblige Berge fährt. Zu suggestiver Musik gleitet der Blick über Felsen, Schotter, Moos und Flechten, bis er sich im Nichts verliert. Je nach Sympathie kann man das als absolutes Kino bezeichnen – oder als prätentiöses Spiel mit der Leere. In jedem Fall ist die Einstellung der gestalterische Höhepunkt eines Werks, das sich auf quälende Weise den „Zwischentönen“ verschrieben hat, den „feinen Nuancen“ und allen anderen Floskeln, die man bemüht, wo in Wahrheit nicht viel zu sehen ist. (Berlinale 2017: Richard Gere trifft auf Angela Merkel – nur Polit-PR?) 

Aber der Reihe nach: „Helle Nächte“, der erste von drei deutschen Filmen im Berlinale-Wettbewerb, erzählt von einem Vater und seinem Teenager-Sohn, die in Norwegen den Großvater beerdigen. Der Opa ist allein gestorben, weil er die Familie vernachlässigt hatte. Der Vater ahnt, dass es ihm einmal ähnlich gehen könnte; sein Sohn wohnt bei der Ex und beide haben kaum Kontakt. Die Reise soll den Teufelskreis der Beziehungslosigkeit durchbrechen.

„Helle Nächte“: Ein Film der Extreme – und auch wieder nicht

Arslans szenische Auflösung verschmilzt dabei die Extreme: Mal sperrt sein Roadmovie die Figuren in die Enge ihres Autos ein, mal entlässt es sie in die Weite einer prachtvollen Landschaft – aber hier wie dort sie sie einander hoffnungslos ausgesetzt. Dem norwegischen Nebel, in dem Vater und Sohn nach einer Verbindung zueinander suchen, steht immer die titelgebende Helligkeit der weißen Nächte gegenüber: Im nordischen Sommer, der die Sonne nicht untergehen lässt, müssen die beiden unerbittlich auf die Realität ihrer Beziehung blicken. Und auch die Mininal-Dramaturgie lässt nichts im Unbestimmten. Von der verweigerten Kommunikation über das scheue Lächeln und eine reinigende Rangelei bis hin zur finalen Umarmung setzt Arslan deutliche Ankerpunkte. Dazwischen passiert – nichts. Und das nicht, weil Georg Friedrich und Tristan Göbel auf einmal ihre Schauspielkunst verlernt hätten. Sondern weil ihr Regisseur einem Realismus des Alltäglichen folgt, der „Helle Nächte“ so aufregend erscheinen lässt, wie einen 86 Minuten langen Blick aus dem Fenster. Im Guten wie im Schlechten. (Berlinale 2017: Wie gut ist „T2 Trainspotting“?)