Bauwerke im Bonsai-Format Parade witziger Ideen: Museum zeigt Architekturmodelle

21.06.2012, 15:51 Uhr

Heinrich Klotz war zu spät dran. Im Sommer 1969 war der Kunsthistoriker nach Chicago gereist, um ein Interview mit dem deutsch-amerikanischen Architekten Mies van der Rohe zu führen. Doch dieser war kurz zuvor gestorben.

Und als Klotz ein Modell eines Mies-Projektes abholen wollte, war es bereits auf dem Müll gelandet. Damals beschloss Klotz, eine Architektursammlung aufzubauen, die nicht nur Pläne und Zeichnungen umfassen sollte, sondern auch Modelle, als „beeindruckendste Zeugnisse von der Entwicklung eines Bauwerks“. Zehn Jahre später wurde er Gründungsdirektor des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt.

Inzwischen besitzt das DAM eine der weltweit größten Modellsammlungen: 1240 Minibauten von 419 Architekten aus 25 Ländern, mit Schwerpunkt auf der Zeit nach 1945. Jetzt widmet es sich diesen Modellen der vergangenen 100 Jahre. Ein interessantes, bisher nicht systematisch erforschtes Thema. Und ein platzgreifendes Unternehmen, weshalb das Haus komplett ausgeräumt wurde für die Präsentation von 300 Modellen, ein Drittel aus eigenem Bestand und zu zwei Dritteln Leihgaben.

Freilich werden bei der Planung eines Baus zuerst Pläne gezeichnet. Aber die sind für den Laien nur schwer vorstellbar. Anschaulicher ist ein Modell. Es soll den Bauherrn überzeugen, ohne ihm etwas vorzugaukeln. Doch Modelleisenbahnidyllen sind verpönt, seitdem Renaissance-Architekt Leon Battista Alberti gegen Modelle wetterte, die „auf Glanz hergerichtet und aufgeputzt sind“. Sein heutiger Kollege Jacques Herzog sieht den Modellbau ironisch als „Bonsai-Architektur“.

Dennoch können einfache Modelle detailliert ausgearbeitet sein und so einen guten Eindruck vom realen Haus geben. Nicht umsonst steht zu Beginn der Schau ein Modell des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, das der Wiener Hans Hollein 1983 als spitzes Tortenstück entworfen hat. Wegen der vielen schräg zulaufenden Wände ließ Hollein ein Modell mit allen Räumen bauen und hängte darin die Kunstwerke im Miniformat auf, um zu sehen, ob das Raumkonzept aufgeht. Dies erboste aber den Museumschef Jean-Christophe Ammann, der ohnehin mit dem vor seiner Zeit geplanten Bau nicht glücklich war.

Bestes Beispiel der von Oliver Elser klug arrangierten Schau ist freilich das DAM selbst. Es hat seinen Sitz in einer Villa von 1912, die Oswald Mathias Ungers komplett entkernen ließ, da die Böden nicht für den Museumsbetrieb geeignet waren. In die stehen gebliebenen Umfassungsmauern setzte er ein Haus im Haus, wie beim Matrjoschka-Spiel der Puppe in der Puppe – sehr einleuchtend zu verfolgen an einem Modell, das in etliche Teile zerlegbar ist.

Schließlich geht es im Dachgeschoss nochmals um Heinrich Klotz. Der kaufte 1988 ein Gipsmodell des berühmten Potsdamer Einsteinturms von Erich Mendelsohn (1920/21). Jetzt entpuppte sich das vermeintliche Original als Nachbau der 50er-Jahre. Damit verliert das Museum eines seiner wertvollsten Stücke – 250000 Euro weniger stehen in der Vermögensbilanz des Hauses. Da ist es dem DAM hoch anzurechnen, dass es diesen peinlichen Verlust nicht verschweigt.