Ausstellung im Museumsquartier Wilde 13: Kandidaten für Osnabrücker Kunstpreis

Von Dr. Stefan Lüddemann | 18.10.2018, 19:02 Uhr

Der Osnabrücker Kunstpreis geht in die zweite Runde. Das Museumsquartier zeigt die Werke von 13 Künstlerinnen und Künstlern, die es aus 136 Einreichern in die Endauswahl schafften. Ein Sieger steht jetzt schon fest: die Kunst, denn es ist eine richtig gute Ausstellung geworden.

Aus jedem Zimmer hallt ein anderer Laut. Jeder Raum gibt diesem leeren Haus einen befremdlichen Klang. Der Künstler Fritjof Mangerich hat in jedem Raum des Braunschweiger Gebäudes in die Hände geklatscht und die unheimlich nachhallenden Töne konserviert. Für „Eine andere Stimme“ montierte er ein Modell des Hauses, Fotos und Sound zu einer Installation. Wo sind die Bewohner des Hauses geblieben? Warum klingt kalt und leer, was doch Schutz und Geborgenheit vermitteln sollte - das Haus nämlich? Mangerichs Raumkunst gehört zur Ausstellung jener 13 Künstlerinnen und Künstler, die ins Finale des Osnabrücker Kunstpreises 2018 gekommen sind. Die Preisträger werden erst am 2. Dezember bekanntgegeben werden. Eines ist aber jetzt schon klar: Die Ausstellung im Osnabrücker Museumsquartier präsentiert eine richtig starke „Wilde 13“. Hier weiterlesen: 13 Künstlerinnen und Künstler für den Osnabrücker Kunstpreis 2018 nominiert.

Gut eingerichtete Präsentation

Denn die von Museumschef Nils-Arne Kässens im Oberlichtsaal des Museumsquartiers klug eingerichtete Präsentation ist viel mehr als eine regionale Leistungsschau. Die Präsentation mischt etablierte Größen und Newcomer der Osnabrücker Kunstszene, sie bezieht fast alle relevanten künstlerischen Medien von Malerei bis Skulptur, Foto, Video, Objekt und Installation mit ein. Diese Ausstellung hat keine These, dafür aber, was in der Kunst viel wichtiger ist als jede Überschrift: Alle Künstlerinnen und Künstler spüren den Brüchen einer unsicheren Gegenwart und ihres fragilen Lebensgefühls nach. Dieses Anliegen verbindet, bei allen formalen und thematischen Unterschieden, alle ausgestellten Werke. Mangerichs hallende Räume, die auf Gregor Schneiders tote Raumfluchten und Rachel Whitereads Abdrücke leerer Räume denken lassen, legen nur eine Spur durch das aktuelle Zeitgefühl. Hier weiterlesen: Der erste Osnabrücker Kunstpreis ging an Frank Gillich.

Löcher ins Nichts

Eine Atmosphäre latenter Verunsicherung vermitteln auch die fragil gebastelten Objekte von Jörg Bussmann, die wie fremde Kundschafter unvermittelt im Raum aufzutauchen scheinen. Gian Luca Cadeddu hat Luftbilder von Stätten des Braunkohleabbaus zur Bildserie gefügt. Der Abbau hat schwarze Löcher in die Landschaft gerissen, Löcher, durch die der Blick ins Nichts fällt. Wirklichkeit verweigert Eindeutigkeit und Wiedererkennen. Dafür stehen in der Ausstellung Merle Lembecks Holzobjekte mit ihrer verstörend perfekten Eleganz oder Birgit Kannengießers Bilder ihrer „Depot“-Serie, die leere Raster zeigen. Mal von blinkenden Farbpartikeln gefüllt, mal blank und leer: Die Linien dieser Raster führen immer ins Nirgendwo. Das Depot hat seine Ordnung. Die unübersichtliche Wirklichkeit fasst es dennoch nicht. Hier weiterlesen: Erste Ausstellung zum Osnabrücker Kunstpreis.

Kunst als Zeitdiagnose

Ja, diese Ausstellung zeigt, wie Museumschef und Jurymitglied Nils-Arne Kässens sagte, den „kreativen Reichtum einer Region“. Darüber hinaus entfaltet die Schau zeitdiagnostischen Wert ohne dass ihre künstlerischen Positionen den Betrachter an irgendeiner Stelle mit schlichten Botschaften belehrten. Nein, diese Werke öffnen den Blick für eine Kunst, wie sie sein soll: Exponat für Exponat ein visuelles Abenteuer, das herausfordert, den Blick auf vermeintlich sichere Wirklichkeit neu zu finden. Das gilt für Sabine Kürzels Bild einer Kindheit im Jahr 1973, die sich in gemalte Schemen befremdlich auflöst, und für Christoph Peter Seidels zu schiefen Rastern deformierte Farbkörper, die erst auf der Reise zu ihrer endgültigen Gestalt zu sein scheinen. Unaufdringlich, aber stark - das gilt für eigentlich jedes der im Oberlichtsaal des Museums ausgestellten Werke.

Spannende Ausstellung

Ganz gleich, wer am Ende das Rennen macht - der Osnabrücker Kunstpreis selbst macht in seiner zweiten Ausgabe nach dem Gründungsjahr 2016 einen Sprung nach vorn. Medienmix und Qualität der ausgestellten Arbeiten zeigen, dass der Preis wirklich spannende Ausstellungen produziert. Die Sievert-Stiftung, die die ersten drei Ausgaben des Preises mit 120000 Euro unterstützt, will kontinuierlich fördern, wie Niklas und Gerrit Sievert für die Stiftung sagten. Und warum werden keine Werke aus den Ausstellungen für eine Osnabrücker Sammlung zeitgenössischer Kunst erworben? Es fehlt an Depotplatz und an betreuendem Personal, sagt Nils-Arne Kässens. Schade eigentlich.