Auf der Höhe ihrer Zeit: Kunststars zeigen das Ereignis als mediales Echo Bilder für das kollektive Gedächtnis

Von Dr. Stefan Lüddemann | 09.09.2011, 13:52 Uhr

Bei Gerhard Richter passt das Grauen auf 52 mal 72 Zentimetern. Die Zwillingstürme des World Trade Centers sind mehr zu ahnen als wirklich zu erkennen. Darüber legen sich abstrakte Farbschlieren. Sie könnten Explosionen darstellen, gigantische Staubwolken oder einfach eine Bildstörung. „September“ nennt Richter sein Gemälde von 2005 lakonisch. Heute hängt es im New Yorker Museum of Modern Art.

Wer sonst als der in Köln lebende Weltstar der Malerei hätte das gültige Gemälde zum 11. September schaffen können? Die rhetorisch klingende Frage schließt eine ungeheure Zumutung ein: den Anspruch, mitten im Internetzeitalter ausgerechnet im alten Medium der Malerei nicht einfach das Ereignis abzubilden, sondern vor allem die Erfahrung des Epochenbruchs in eine Bildformel umzusetzen. Gerhard Richter gelingt dies, weil er das Bild des 11. September in dreifacher Schichtung malt. Mit den Zwillingstürmen repräsentiert sein Bild das Ereignis, mit der verschleierten Optik zitiert das Gemälde die Oberfläche von Bildschirmen und damit die mediale Wahrnehmung, mit seiner eigentümlichen Entrücktheit macht es das verknappte Bild kenntlich, das sich vom Einsturz der Türme des World Trade Centers im kollektiven Gedächtnis eingelagert hat.

Wie haben die bildenden Künste auf die Anschläge vom 11. September reagiert? Kompetent, weil auf der Höhe der Zeit. Allein Richters Bild deckt dieses Fazit ab. Sein Bild mit den abstrakten, immer wieder aufgerissenen Farbschichten zeigt das Bild des Terrors als Spur einer unheilbaren Verletzung. Ähnlich tiefschürfend hatte Richter Bilder zu den toten Terroristen vom Stammheim („18. Oktober 1977“, 1988) und banal bösen Nazi-Verbrechern („Onkel Rudi“, 1965) gemalt. Die gestochen scharf gemalte Unschärfe macht diese Gemälde wie das „September“-Bild zu bedrängenden Zeitzeugnissen. Aktuelle Ereignisse verwandeln sich in kollektive Bilder, die im Gedächtnis der Menschen wie in Medien und Künsten auf unabsehbare Zeit ihr Eigenleben führen werden. Vor allem diese Einsicht hat Richter mit seinem Bild auch formuliert.

Ganz ähnliche Bilder vom 11. September schuf der Düsseldorfer Fotokünstler Thomas Ruff. Im Rahmen seiner „jpeg-Serie“ zeigt er Medienbilder von den einstürzenden und in Qualmwolken gehüllten Türmen als Schemen in einem grobkörnigen Pixel-Salat. Thomas Ruff, der wie seine Kollegen der Düsseldorfer „Becher-Schule“ Andreas Gursky und Thomas Struth Weltruf genießt, reagiert mit seinen „jpeg“-Großformaten auf die digitale Wende des Bildes. Mit den Computerprints legt Ruff offen, dass diese Fotos nicht einfach Realität, sondern vor allem ihre eigenen Bestandteile, die Rasterpunkte abbilden. Erst aus einiger Entfernung sortiert sich der Datenschnee zum Bild der kollabierenden Türme. Auch Ruff zeigt die verknappte Bildformel, die vom Terroranschlag übrig bleibt.

Noch direkter hob Konzeptkünstler Hans-Peter Feldmann auf die mediale Aufbereitung des Terrors ab. „9/12 front page“ nennt er nüchtern seine Sammlung von 151 Titelblättern internationaler Zeitungen, die am Tag nach dem Anschlag erschienen – unter ihnen auch die Titelseite der Neuen Osnabrücker Zeitung. In den fast identischen Aufmachungen bildet sich ab, was Feldmann vor allem sichtbar machen möchte – die globale Schockwelle des Terrors. In einem Künstlerraum installiert, ist diese Kollektion übrigens noch bis Ende Oktober in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K 21 zu sehen.