Atelier auf dem Bauernhof Skulptur-Projekte: Wie die Kunst für Münster entsteht

Von Dr. Stefan Lüddemann | 30.03.2017, 08:00 Uhr

Am 10. Juni 2017 starten in Münster die fünften Skulptur-Projekte. Wie entsteht das Kunstformat? Ein Besuch bei einem Künstler, einer Kuratorin und einer Kunstvermittlerin.

Dieser Fels hat seine Spitze, seine Kanten und Grate, wie ein kleiner Berg. Eigentlich liegt er an einem Schweizer See. Aber nun hat er einen Zwilling im flachen Münsterland. Der ist aus Gips und Beton. Justin Matherly schiebt das Tor eines Hangars in Havixbeck zur Seite. Im Dunkel schimmert weiß die nach dem Felsen geformte Skulptur. Auf einem Ferienhof hat der amerikanische Bildhauer sein Atelier eingerichtet. Bauernhäuser, Traktoren und ein Dromedar in der Scheune gegenüber - hier sieht eigentlich nichts nach jener Kunst aus, die in Münster ab dem 10. Juni 2017 hunderttausende Besucher begeistern soll. Der abgelegene Hof gehört aber zu den Schauplätzen, an denen gerade die Beiträge für eines der berühmtesten Ausstellungsformate der Welt entstehen. Hier weiterlesen: Skulptur-Projekte Münster - Kuratorin Marianne Wagner erläutert das Konzept. 

Felsen vom Schweizer See

Schirmmütze, blaue Jacke, kurzer Bart: Justin Matherly wirkt auf den ersten Blick selbst wie ein Landwirt. Im Halbdunkel der Scheune geht er um seine Plastik herum, prüft sie mit kritischem Blick. „Das ist keine Abformung. Ich will auch nichts machen, was nicht auch mit einem 3-D-Druck erledigt werden könnte“, sagt der 45 Jahre alte New Yorker. Matherly erzählt von seinen Wanderungen durch die Schweiz, von dem Felsen, dessen schroffe Form schon den Philosophen Friedrich Nietzsche begeistert hat. An einer Wand hängen Serien von Fotos, die Matherly von dem Felsen gemacht hat. Auf der anderen Seite türmt sich Material. Aus Schaumstoff, Gips und Beton formt der Bildhauer seine Skulptur, die an der Münsteraner Promenade prominent platziert werden wird. Hier weiterlesen: Weltberühmtes Kunstformat - was sind eigentlich die „Skulptur-Projekte“? 

Frage nach öffentlichem Raum

„Wir sind nah bei den Künstlerinnen und Künstlern“, sagt Britta Peters. Die Frau mit der blonden Kurzhaarfrisur bildet mit Marianne Wagner und Kasper König das kuratorische Team der „Skulptur-Projekte“, die seit 1977 alle zehn Jahre ausgerichtet werden. Anders als die zeitgleich in Kassel startende Documenta, die sich mit dem Titel „Von Athen lernen“ dezidiert politisch gibt, gehen die „Skulptur-Projekte“ nicht mit einem vorgegebenen Thema an den Start. „Das thematische Profil wird eher im Rückblick erkennbar sein“, so Peters. Auf dem Platz zwischen den Scheunen genießt sie die ersten Strahlen der Frühlingssonne. Die „Skulptur-Projekte“ haben nach ihren Worten ohnehin ihren Fokus: Kunst im öffentlichen Raum. Das schließt die kritische Frage nach dem, was öffentlicher Raum heute sein kann, immer mit ein. Hier weiterlesen: Die „Skulptur-Projekte“ 2017 - die Künstlerliste.

Aus Kontroversen gelernt

„Welcher Raum ist eigentlich zugänglich und welcher nicht?“, fragt die Kuratorin. Die „Skulptur-Projekte“ werden auch in ihrer fünften Ausgabe helfen, diese Frage nachdrücklich zu stellen. Dem Streit um Kunst und ihre Position in der Öffentlichkeit verdankt das Ausstellungsformat schließlich seine Entstehung. Eine abstrakte Plastik von George Rickey sorgte in den siebziger Jahren für Empörung beim Publikum. Der damalige Museumschef Klaus Bußmann und Kurator Kasper König reagierten auf die Kontroverse mit einer Ausstellung im Landesmuseum und Kunstwerken im Außenraum, den ersten „Skulptur-Projekten“. Was ist eigentlich Kunst? Und was darf sie? Der Disput um die Kunst ging damit erst so richtig los. Inzwischen haben sich die einst hitzigen Debatten abgekühlt. „Mit der dritten Ausgaben von 1997 hat sich das Verhältnis gewandelt“, berichtet Britta Peters. Die Münsteraner haben die „Skulptur-Projekte“ nicht nur ins Herz geschlossen, die kleine Schwester der Documenta wird auch eifrig vermarktet. Die Ausstellungsmacher sehen die Stadtentwicklung mit Kunst nicht ohne Sorge. „Es wäre schlimm, wenn es keine Diskussion um die Kunstwerke mehr geben würde“, sagt Britta Peters. Hier weiterlesen: So funktioniert moderne Kunst: Kunst und ihre Orte. 

500000 Besucher erwartet

Das Gespräch über die Kunst anregen, das will auch Ingrid Fisch. Die Leiterin der Vermittlungsabteilung bereitet sich und ihr Team auf den Ansturm von rund einer halben Million Besucher vor. In Sichtweite des Münsteraner Doms liegen die Büros der „Skulptur-Projekte“. Noch geben sich alle locker. Aber wenige Wochen vor dem Start steigt die Spannungskurve spürbar. „Die Besucher wissen meist mehr über zeitgenössische Kunst, als sie denken“, sagt Fisch ermutigend. Das Wort Führung gibt es in ihrem Konzept nicht. Fisch: „Wir sprechen lieber von Touren“. In kleinen Gruppen bis zu 16 Personen sollen die Besucher nicht nur mit Informationen versorgt, sondern wirklich an die Kunst herangeführt werden. Wie wichtig die Kunstvermittlung bei den „Skulptur-Projekten“ ist, zeigt auch der Einsatz eines Sponsors, der dafür sorgt, das viele öffentliche Führungen und Workshops für Schulkinder kostenlos angeboten werden können. Gesonderte Angebote gibt es auch in Sprachen von Arabisch bis Farsi. Auch Migranten sollen erreicht werden. Hier weiterlesen: Kunst schreibt die Agenda der Gegenwart. 

Skulptur an der Promenade

Keine Hektik derweil in Havixbeck. Justin Matherly arbeitet weiter an seiner Felsskulptur, die mit Metallgestellen aufgeständert werden wird. „Das Werk soll einen Eindruck der Leichtigkeit, aber auch der Unsicherheit und Absurdität vermitteln“, sagt der Bildhauer. Kunst als Körper, Kunst als Prozess, Kunst als Irritation gewohnter Sehweisen: Kuratorin Peters sieht Matherlys Werk als Musterbeispiel für aktuelle Trends. Die „Skulptur-Projekte“ zeigen Kunst. Und sie sollen wieder helfen, die kritische Frage nach dem öffentlichen Raum zu stellen. Das wünscht sich Britta Peters. Eine praktische Frage ist derweil geklärt. 250 Fahrräder, 100 mehr als vor zehn Jahren, werden für die Besuchertouren bereitstehen. Radfahrer prägen schließlich Münsters Stadtbild. Auch während der „Skulptur-Projekte“.