Arnold Zweigs Anti-Kriegs-Klassiker Grausame „Erziehung vor Verdun“

Von Dr. Stefan Lüddemann | 11.07.2014, 09:00 Uhr

„Erziehung vor Verdun“: Der Titel von Arnold Zweigs Roman ist sprichwörtlich geworden. Doch wie gut ist das Buch eigentlich? Eine Wiederentdeckung.

Osnabrück. „Ihr da oben – wir da unten“: So lautet der Titel eines Bandes mit Industriereportagen von Bernt Engelmann und Günter Wallraff. Dieser Titel hätte aber auch zu dem Antikriegsroman gepasst, den Arnold Zweig 1935 veröffentlichte: „Erziehung vor Verdun“. Denn der später in der DDR hochverehrte Arnold Zweig (1887–1968), der Abgeordneter der Volkskammer und Präsident der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin war, demontiert in seinem Roman einen der großen Mythen, die sich um den Ersten Weltkrieg rankten – die von der verschworenen Gemeinschaft der Frontsoldaten, von Kameradschaft und Loyalität.

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Zweig zeigt dagegen in seinem Roman, wie sich die Klassengesellschaft auch an der Front reproduziert. Kein Wunder, dass dieser weltanschaulich klar positionierte Autor den Nazis verhasst war, in der DDR hingegen zum kulturellen Establishment gehörte.

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Zweig schrieb das Buch nach längerer Unterbrechung im Exil in Palästina. „Erziehung vor Verdun“ kam 1935 im Amsterdamer Querido-Verlag heraus, einem wichtigen Publikationsort für Exilliteratur. Das Buch schließt einen mehrbändigen Zyklus zum großen Krieg ab. Zu diesem Zyklus gehören „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ (1927) und „Junge Frau von 1914“ (1931).

In der „Erziehung vor Verdun“ lässt Zweig den Soldaten Werner Bertin wieder auftreten. Als schlichter Armierungssoldat steht er auf der untersten Stufe der militärischen Hierarchie. Bertin gerät zwischen die Fronten: nicht allein zwischen jene der Armeen, sondern auch zwischen die Fronten der Soldaten aus Schützengraben und Etappe, zwischen die Fronten der sozialen Herkünfte und politischen Überzeugungen.

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Worum geht es? Bertin lernt an der Front den Unteroffizier Christoph Kroysing kennen. Der beschwert sich über Vorgesetzte, die Verpflegung unterschlagen, die für die Mannschaften bestimmt ist. Sein Beschwerdebrief wird abgefangen. Kroysing kommt vors Kriegsgericht, schließlich sorgen die Veruntreuer gar dafür, dass er in einen gefährlichen Frontabschnitt versetzt wird, wo er prompt ums Leben kommt. Sein Bruder Eberhard Kroysing führt die Beschwerdefehde weiter. Sein Gegner ist der feige und selbstsüchtige Hauptmann Niggl.

Das klingt nach einem Krimi im Kriegsalltag. Dabei will Zweig eigentlich einen Entwicklungsroman schreiben. Das kündigt der Titel unmissverständlich an. Schade nur, dass es in dieser Romanwelt keiner wirklichen Charakterentwicklung mehr bedarf. Gut und böse, oben und unten – die Rollen sind von Anfang an klar verteilt. Das gilt vor allem für die Hauptfigur, die doch eigentlich einen Wandlungsprozess durchlaufen soll. Aber als Bertin in der Eingangsszene des Romans französischen Kriegsgefangenen sehr zum Missfallen seiner Vorgesetzten Wasser aus dem eigenen Kochgeschirr reicht, ist bereits klar, wer hier der Gutmensch ist – und dass die Menschenquäler im Etappenbüro sitzen. Muss noch betont werden, dass Zweig in der Figur des jüdischen Intellektuellen Bertin auch ein verstecktes Selbstporträt liefert?

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Zweig schreibt papieren klingende Weltanschauungsdialoge, aber keine packenden Schilderungen. Psychologische Tiefenlotungen sind ohnehin nicht seine Sache. In der „Erziehung vor Verdun“ erstarrt die Kriegswelt zur Kulisse für die Bataille, um die es dem Autor eigentlich geht – jene der Klassenkonflikte. Wirklich große Literatur ist dabei nicht herausgekommen.(Ende der Serie)

Arnold Zweig: Erziehung vor Verdun. Roman. 583 Seiten. Aufbau Verlag. 40 Euro. (und weitere Zweig-Romane).