Arnim Regenbogen: Ziele und Inhalte neu definieren Aufklärung ist künftig ein globales Projekt

Von Dr. Stefan Lüddemann | 19.07.2011, 20:00 Uhr

Das Projekt der Aufklärung ist nicht am Ende, es braucht aber eine erneute Diskussion seiner Ziele und Inhalte. Das sagt der Osnabrücker Philosoph Prof. Dr. Arnim Regenbogen. Das Gespräch mit ihm ist das dritte und letzte der Interviews mit Philosophen im Rahmen unserer Serie. Zuvor fragten wir Michael Schmidt-Salomon und Dirk Baecker nach der Aufklärung.

Adorno und Horkheimer beklagten die Herrschaft einer instrumentellen Vernunft, Habermas sprach vom „unvollendeten Projekt der Moderne“: Wo sehen Sie Optionen und Gefahren der Aufklärung heute?

Wenn ich wählen würde zwischen beiden Deutungen für Aufklärung, würde ich für Habermas plädieren „Unvollendetes Projekt der Moderne“. Dass man die Aufklärung kritisiert hat und die Folgen der Aufklärung in ihrer Negativität dargestellt hat, hing eindeutig zusammen mit den Kriegserfahrungen, mit den Erfahrungen des Faschismus, die Horkheimer und Adorno gemacht haben, die sie ausweiten wollten auf die gesamte westliche Zivilisation. Philosophisch ist es allerdings so, dass sie als Resultat der Aufklärung, das erfolgreichste Modell der Aufklärung, nämlich die instrumentelle Vernunft kritisiert haben. Was man instrumentelle Vernunft nennt, bedeutet, dass man aus der Aufklärung heraus die Idee der Naturbeherrschung ableitet und damit auch die Herrschaft des Menschen über Menschen. Das Problem dabei ist, dass nach meiner Kenntnis der Aufklärung der Vernunftbegriff der Aufklärung viel umfassender ist. Er bezieht sich nicht nur auf die Wahl der Mittel instrumenteller Vernunft, sondern auf die vernünftige Setzung von Zielen selbst. Das hat sich gesellschaftlich in diesem ökonomischen System nicht durchgesetzt, muss aber als Ziel weiter im Auge behalten werden.

Subjekt, Vernunft, Kritik: Diese Begriffe sind zentral für das Selbstverständnis der Aufklärung. Bestimmen diese Vorstellungen weiter unsere Gegenwart?

Der Idee nach vertreten Horkheimer und Adorno das ja auch. Sie haben sich allerdings skeptisch geäußert im Hinblick auf die Entwicklung und die Chancen. Und da waren sie extrem pessimistisch, sodass sie die Meinung vertraten: Die Aufklärung ist nicht etwa für immer verspielt, sondern sie hat angesichts der modernen Massengesellschaft keine Chance mehr. Die Gesellschaft selbst müsse sich zunächst ändern. Das war deren Position. 20 bis 30 Jahre später konnte man schon anders argumentieren, so wie Habermas es gemacht hat, der gesprochen hatte von dem „Unvollendetes Projekt der Moderne“. Das ist uns sehr viel vertrauter. Neu war damals, die Idee der Aufklärung als etwas zu vertreten, das es zu bewahren und weiterzuentwickeln galt. Auch moderne Befreiungsbewegungen, Studentenrevolte, Ökologiebewegung, Frauenbewegung und dergleichen, stellten sich erst im Anschluss an diese Debatte selbst in die Kontinuität der Aufklärung. Das ist etwas, was man in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht gemacht hat.

Von welchem Begriff von Vernunft wäre denn auszugehen?Vernunft ist ein Vermögen von Subjekten. Ich setzte nicht auf eine göttliche Vernunft oder auf eine übermenschliche Vernunft. Sie kann ja nur ein Vermögen von Menschen selber sein.Sie setzen auch nicht auf die Vernunft von Organisationen und Systemen?Es gibt einige, die den Begriff der Vernunft systemtheoretisch denken, so als ob die Regeln einer Organisation selbst ihre eigene Vernunft hätten. Ich würde im Unterschied dazu davon ausgehen, dass alles, was Menschen in Institutionen etablieren, letztlich unter der Kontrolle von aufgeklärten, vernünftigen und kritischen Subjekten stehen müsste, insbesondere die Änderungen in den Organisationsformen selbst. Insofern ist es nicht nur wichtig, , dass Subjekte vernünftig sind, darüber hinaus sollte das Prinzip gelten, dass nur Subjekte urteilen können und das Kritikmodell an der Selbstbeurteilung von Menschen orientiert bleibt. Kritisieren kann ein Subjekt bestehende Verhältnisse nur, wenn es selbst in der Lage ist, diese Verhältnisse zu beurteilen, also das Urteil nicht anderen überlässt.Was gehört für Sie zum Vernunftbegriff der Aufklärung?

Dazu gehört die Idee, dass das Subjekt selbst vernunftfähig ist. Alle Ethik und praktische Philosophie muss gebunden werden an das Vernunftvermögen von Subjekten. Insofern geht es nicht nur darum, wie man Rechtssysteme organisiert, sondern auch darum, wie man über die Geltung bestehender Rechtssysteme hinaus gemeinsam bewusst Ziele setzt. Die Subjekte müssen selbst die Autoren von Ordnungen sein. Gerade am Rechtssystem kann man das Problem der Aufklärung gut darstellen. Es gibt zum Beispiel Religionen, die zugleich Rechtssysteme sind. Der Islam ist ein Beispiel dafür; dort basiert die Geltung des Rechtes darauf, dass das Recht überliefert ist. Die Demokratie setzt aber voraus, dass die Bürger mündig sind und dass ihnen zugestanden wird, die Rechtssysteme nach demokratischen Regeln selbst ändern zu können. Dies ist ein ganz elementarer Grundsatz der Aufklärung, dass nämlich die Regeln des Zusammenlebens von den Menschen selbst gestiftet werden und nicht von einer göttlichen oder traditionellenInstanz her abgeleitet werden.

Computer und Internet prägen unser Leben zunehmend. Befördern diese Leitmedien eine neue Aufklärung, oder führen sie in ein Zeitalter, das selbst der Aufklärung bedarf?

Dass Internet und Computer Aufklärung fördern können, liegt eigentlich nahe. Nur: Auch hier sind es die Subjekte, welche sich des Computers und des Internets bedienen. Die Computer und das Internet sind keine Strukturen, welche das Handeln des Menschen vorschreiben. Der Mensch benutzt es im Sinne dieser Ziele. Ob es Gefahren gibt, die von der Tatsache ausgehen, dass Computer und Internet allen zugänglich sind und damit in hohem Maße missbrauchbar sind, das ist ein anderes Thema. Aber es ist nicht so, dass Computer und Internet Menschen unmündig machen, ganz im Gegenteil. Als das Aufklärungsthema in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts zum Thema wurde, sprachen alle von Meinungsmanipulation, von der Monopolisierung der Meinung in den Händen führender Konzerne. Die technische Entwicklung ist so weit, dass es Monopolisierung in der Verbreitung von Ideen praktisch nicht mehr gibt. Das ist ein sehr positiver Beitrag, den das Internet im Hinblick auf Aufklärung geliefert hat. Beispiele dafür sind erstens die Veröffentlichung von Geheimdokumenten durch ein Netzwerk und zweitens die Möglichkeit der Jugend in den arabischen Ländern, über nicht kontrollierbare Netze zu kommunizieren, um damit die staatliche Kontrolle unterlaufen zu können – mit den bekannten Ergebnissen. Das sind Dinge, die man hervorheben kann als Chancen, die im Computer und Internet stecken.

Aufklärung setzt universelle Werte, vor allem die der Menschen- und Freiheitsrechte. Wie steht es heute mit der globalen Geltung dieser Werte?

Im Hinblick auf die Durchsetzung der Universalisierung der schon verkündeten Menschenrechte ist der Blick auf andere Kulturen wichtig: Da gibt es zum Beispiel eine islamische Erklärung von Menschenrechten oder eine afrikanische Erklärung von Menschenrechten. Mehrere solcher Menschenrechtserklärungen von anderen Kontinenten oder aus der arabischen Welt sind immer mit dem Vorbehalt verkündet worden, dass das traditionelle Recht – etwa das tradierte Familienrecht oder das religiös begründete Rechtssystem, zum Beispiel die Scharia – nicht bedroht werden darf durch die Menschenrechtserklärung. In diesem Punkt muss die Diskussion weitergeführt werden. Es darf nicht so sein, dass man Menschenrechte verkündet unter dem Vorbehalt einer älteren Rechtsordnung. Vielmehr muss hier auch die Idee der Aufklärung eine Rolle spielen, nach der anerkennt wird, dass Rechtssysteme nur von Menschen geschaffen und verändert werden können und dürfen. Nur dann ist Demokratie möglich. Eine Demokratie, die sich beschränken würde auf nur wenige Bereiche des sozialen Lebens, - die im Übrigen das bestehende Rechtssystem einer tradierten Religion oder Stammesgesellschaft erhalten muss -das wäre zu wenig. Insofern müsste vorab anerkennbar werden, dass letztlich der Mensch der Stifter und Interpret auch des traditionellen Rechtes ist. Nur dann wäre auch die Universalisierung auch in den Köpfen derer durchsetzbar, die sich in anderen Kulturen für Menschenrechte einsetzen.

Das wäre es eine klare Wendung dagegen, dass man das Recht aus Religionen abgeleitet.In einigen Richtungen der christlichen Theologie hat es ja solche Umkehrung schon gegeben, wo man selbst das Wort Gottes aus der Bibel als Wort in Menschengestalt begriffen hat. Und dieses ist abhängig auch von den Deutungsmustern, die die Menschen angesichts ihres Weltbildes über die eigenen Erfahrung mit ihrem Gott und mit höheren Instanzen formuliert haben. Und solche Theologen sind bereit, die Gegenwart so zu deuten, dass sie dabei nicht nur ableiten, was in traditionellen Religionen und Rechtssystemen gelehrt wird, sondern dass auch das bestehende Rechtssystem als eine Interpretation der Lage der Menschen betrachtet werden muss. Dies würde voraussetzen, die historisch-kritische Methode auch auf die heiligen Schriften selber anzuwenden. In der islamischen Tradition hat es diese Positionen früher einmal häufiger gegeben, aber immer nur im Rahmen von heterodoxen Lehren. Sie wurden in der Regel nicht unterstützt, dagegen häufig verfolgt. Es hat sie im islamischen Mittelalter viel früher gegeben als in der christlichen Tradition. Aber die textkritische Tradition in der musulmanischen Gelehrtenwelt ist bisher nicht weiterentwickelt worden. Man achtet heute sehr streng darauf, was Wissenschaftlern - etwa im Iran - passiert, die dieses Prinzip auch für die Auslegung der heiligen Texte des Islam selber einbringen.Brauchen wir womöglich eine neue Aufklärung?

Was sollte neu sein an der Aufklärung? Die Idee, dass die Menschen selber die Subjekte ihrer Aktion werden sollen und müssen, auch gegen bestehende Strukturen, ist in verwandter Form früher auch schon formuliert worden.Was ich mir aber sehr wohl vorstellen kann, ist eine genauere Diskussion über die Inhalte der Aufklärung. Die Aufklärung ist nicht allein auf die Gegenwart anzuwenden, sondern auch auf die künftige Entwicklung des Globus, mit all unseren Handlungsperspektiven. Das heißt nicht nur, Aufklärung als Sache der gegenwärtigen Generation, sondern auch als eine Aufgabe zu betrachten, die auch künftigen Generationen übergeben werden sollte, damit sie nicht jederzeit von der vermeintlichen Freiheit Gebrauch machen könnten, die einmal errungenen Standards der Aufklärung widerrufen zu können. Das ist ein Lehrstück, das man im 20. Jahrhundert gemacht hat. In totalitären Ideologien war es machtpolitisch möglich, in bestimmten Bereichen den Prozess der Aufklärung aufzuhalten. Wo politische Freiheit ist, sollte so etwas nicht mehr denkbar sein.

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