Anfang der Skulptur-Projekte Vor 40 Jahren: Rückriems Steine provozieren Münster

Eine Kolumne von Dr. Stefan Lüddemann | 22.11.2016, 07:00 Uhr

Vor 40 Jahren sorgte Ulrich Rückriems „Dolomit zugeschnitten“ für Aufregung in Das erste Werk der Skulptur-Projekte markierte einen Wendepunkt in der Geschichte der Kunst im öffentlichen Raum.

Über den „Steinhaufen“ haben sich die Münsteraner seinerzeit entsetzt. Heute nehmen sie Ulrich Rückriems Skulptur „Dolomit zugeschnitten“ als Teil ihres Stadtbildes hin - wenn sie nicht sogar an diesem Kunstwerk einfach achtlos vorbeigehen. Am 22. November 2016 jährt sich die Aufstellung dieser aus neun Steinrohlingen zum 40. Mal. Der Jahrestag markiert nicht nur das Alter einer Skulptur. Er macht auch klar, wie lang die Meinungsschlachten zurückliegen, die einmal um Kunst im öffentlichen Raum ausgetragen worden sind. Zugleich wird klar, in welchem Maß die Münsteraner Skulptur-Projekte selbst historisch geworden sind. „Dolomit zugeschnitten“ ist nämlich das erste Werk, das im Rahmen dieses Kunstformats aufgestellt worden ist. Hier weiterlesen: Skulptur-Projekte Münster fragen nach Kunst im öffentlichen Raum. 

Schockreaktion der Bevölkerung

Entsprechend habe diese Arbeit „die ganzen Schockreaktionen“ der Bevölkerung abbekommen, schrieb der Kunsthistoriker Georg Jappe. Die neun, in einer auf- und wieder absteigenden Linie angeordneten Steinrohlinge nehmen die Anordnung der Strebepfeiler und der Joche der kleinen Petrikirche auf, die zwischen Fürstenberghaus und Juridicum sowie Uni-Bibliothek auf einem zentralen Areal der Universität stehen. War es die rohe, unbehauene Struktur dieser Steine, die Menschen seinerzeit so aufregte, oder der als unpassend empfundene Bezug des Kunstwerkes auf das Gotteshaus? Dabei wirkt Rückriems Arbeit heute geradezu klassisch gemessen, auch weil sie in ihrer Breite mit dem Abstand zur Kirchenwand ein Quadrat bildet und so den auf diese Weise umrissenen Zwischenraum exemplarisch verdichtet. Hier weiterlesen: Genre der Kunst: Was ist eigentlich eine Installation? 

Werk kehrte an seinen Ort zurück

1981 wurde das Ensemble zunächst abgebaut, kam in die Sammlung Grässlin im Schwarzwald, um 1987 zur zweiten Ausgabe der Skulptur-Projekte wieder an ihrem Ort errichtet zu werden. Rückriems Werk kehrte gleichsam als vom Kunstbetrieb inzwischen geadelter Klassiker wieder an seinen Ausgangsort zurück. Auch wenn jene Zeiten, in denen Rückriems unbehauene Steinkuben modern wirkten, heute seltsam entrückt scheinen - mit der erneuten Aufstellung an der Petrikirche wurde „Dolomit zugeschnitten“ dem Stadtraum endgültig eingeschrieben und so auch der Stellenwert von Kunst im öffentlichen Raum an diesem Ort besiegelt. Rückriem steuerte in jenem Jahr eine weitere Steinskulptur für die Skulptur-Projekte bei, die am Aasee aufgestellt wurde. Hier weiterlesen: Kunstformat in Münster - was sind eigentlich die Skulptur-Projekte? 

Kunstformat selbst ein Klassiker

Nicht nur in Münster haben Menschen zunächst gegen Kunst im öffentlichen Raum protestiert, über ihre Berechtigung leidenschaftlich zu debattieren und sie schließlich zu akzeptieren. Diese Spannungskurve kennzeichnet die Geschichte der Skulptur-Projekte, die mit ihrer fünften Ausgabe 2017 die Aufgabe werden meistern müssen, einem Kunstformat frische Dringlichkeit abzugewinnen, das selbst zum Klassiker avanciert ist, weil es einen neuen Standard gesetzt hat. Dieser Standard verdankt sich der zentralen Leistung der Kunst im öffentlichen Raum - jenen Raum selbst zum Gegenstand der Wahrnehmung und Debatte machen zu können. Hier weiterlesen: Riese der Skulptur - Henry Moore in Münster. 

Botschaft der Teilhabe

Mit dieser Leistung verband sich seit jeher eine Botschaft der Teilhabe und Mitwirkung. Inzwischen zeigen Stichwörter wie Gentrifizierung oder Shopping Mall, wie sehr öffentlicher Raum selbst wieder zur Frage geworden ist. Droht Kunst da nicht das Schicksal, zur bloßen Dekoration einer Politik abzusinken, die öffentlichen Raum nicht mehr als Forum der Begegnung, sondern als Kapital der Standortentwicklung sieht? Künstler und Kuratoren steuern längst gegen - mit Interventionen und Performances. Die klassische Skulptur hat in diesem aktuellen Geschehen kaum noch einen Stellenwert. Umso wichtiger ist die Erinnerung an jene Zeit, in der Ulrich Rückriems Steinreihe tatsächlich für Aufregung sorgte. Hier weiterlesen: Künstler Jan Tichy macht Kunsthalle Osnabrück zur Lichtskulptur.