Adam Szymczyk will Lernprozess „Von Athen lernen“: Documenta plant Kunst-Transfer

Von Dr. Stefan Lüddemann | 07.03.2017, 14:31 Uhr

„Von Athen lernen“: Unter diesem Titel will Adam Szymczyk, Leiter der Documenta 14, Kunst aus Athen nach Kassel transferieren. Szymczyks Ziel ein offener Lernprozess. Das sagte er am 7. März 2017 vor Medienvertretern in

Vom Café Nenninger zur großen Welt der Kunst sind es in Kassel nur ein paar Schritte quer über den Friedrichsplatz. Neben Kuchenbuffet und Pralinenpackungen mit Bildern der Gebrüder Grimm hat Documenta-Leiter Adam Szymczyk eben noch gemeinsam mit seiner Kollegin Katerina Koskina, Leiterin des Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst (EMST) in Athen, kurz gefrühstückt. Augenblicke später doziert er vor über 200 Medienvertretern im Museum Fridericianum über Kunst in Krisenzeiten. Von der „schwierigen Zeit in Europa“ berichtet er und von der Notwendigkeit, gerade jetzt Museen als öffentlichen Raum zu begreifen. „Von Athen lernen“: So lautet das Motto der 14. Ausgabe der Weltkunstschau, die zum ersten Mal nicht nur in Kassel stattfinden soll. Athen wird dabei mehr als ein Satellit sein. Zwei Monate vor dem Start in Kassel beginnt die Documenta am 8. April 2017 in der griechischen Hauptstadt. Hier weiterlesen: Documenta 14 - 2017 wird das Superjahr der Kunst. 

Sphinx unter den Kuratoren

Seinem Ruf als Sphinx im schwarzen Kuratorenoutfit wird Adam Szymczyk auch bei der Pressekonferenz im Kasseler Museum Friedricianum wieder gerecht. Was er denn inzwischen von Athen gelernt habe, wird der Documenta-Chef gefragt. Doch Szymczyk bleibt vage. Lernen sei ein Prozess. „Es geht nicht darum, jetzt schon fertige Ergebnisse vorzustellen“, sagt der künstlerische Leiter der Documenta 14. Nur so viel ist bis jetzt klar: Neben dem Museum Fridericianum, seit der ersten Ausgabe 1955 Hauptort jeder Documenta, soll das EMST gleichberechtigter Spielort der Documenta 2017 sein. Szymczyk will Hauptwerke der Sammlung des Athener Museums in Kassel präsentieren und dazu Werke zeigen, die im Auftrag der Documenta-Leitung angefertigt werden. Der Documenta-Leiter spricht von „Perspektivenwechsel“ und erläutert: „Griechenland war die Wiege der Zivilisation. Jetzt ist das Land in einem anderen Zustand und empfängt Lektionen aus aller Welt“. Es sei höchste Zeit, nun wieder von Griechenland zu lernen. Hier weiterlesen: Als Harald Szeemann den Kurator erfand - die Macher der Kunst 

Museum im Umbruch

Vom „genau richtigen Zeitpunkt“, die Documenta in Athen stattfinden zu lassen, spricht Katerina Koskina. „Unser Haus soll als offene Plattform funktionieren“, sagte Koskina weiter, spricht von „Wissensaustausch“ und einem „Austausch visueller Identitäten“. Ihr Haus spiegelt offenbar zu einem guten Teil die jüngere griechische Krisengeschichte und dass nicht nur deshalb, weil eine der letzten Ausstellungen den Titel „Jedes Ende ist ein Beginn“ getragen hat. Das in einer ehemaligen Brauerei eingerichtete Museum musste mehrfach umziehen und Sanierungen weichen. Jetzt soll das Haus nach den Worten seiner Direktorin nach und nach wieder in den ehemaligen Industriebau einziehen. Die Sammlung mit moderner Kunst seit 1960 sei noch nie ganz gezeigt worden. Das soll nun endlich geschehen. Die Documenta verhilft zu diesem Schritt. Hier weiterlesen: So funktioniert moderne Kunst: Kunst und ihre Orte. 

Geschichte des Fridericianums

Adam Szymczyk und sein Kurator Hendrik Folkerts verwiesen dabei mehrfach auf die Geschichte des Kasseler Fridericianums. Das 1779 vollendete Haus sei eines der ersten öffentlichen Museen auf dem europäischen Kontinent gewesen. Mit seinen späteren Nutzungen als Parlament und Bibliothek steht es nach Szymczyks Worten beispielhaft für Kultur- und Demokratiegeschichte Europas. Als Hauptort der Documenta sei das kriegszerstörte Haus ab 1955 als „Museum der 100 Tage“ bespielt worden. Dieser Zustand erinnere an die Situation des Athener EMST heute. „Es liegt in der Logik dieser Zusammenarbeit, zu der historischen Idee des Fridericianums zurückzukehren“, sagte Szymczyk weiter. Hier weiterlesen: Kunst schreibt die Agenda der Gegenwart. 

Statement zur Krise

In Kassel sollen nach den Worten von Katerina Koskina Hauptwerke der seit dem Jahr 2000 entstandenen Sammlung des EMST zu sehen sein. Dabei geht es nach den Worten der Museumsleiterin nicht um große Künstlernamen, sondern um „relevante künstlerische Praktiken in Griechenland“. Die Kuratorin unterstrich damit den Anspruch an eine Documenta, die als politisches Statement zur Krise Europas verstanden werden soll. Zu den Werken der Kollektion gehört unter anderem eine große Installation der libanesischen Documenta-Künstlerin Mona Hatoum aus alten Industriematerialien. Koskina sprach von der „Idee des Verfalls und der Neuerschaffung“, die sich in solchen Werken spiegelten, und schob weitere Stichworte ihres Konzeptes nach - die „Idee der Veränderung“ und die Vorstellung jenes Weltbürgers, die der antike Philosoph Diogenes bereits geprägt habe. Von einem Athener Museum im Umbau bis nach Kassel will diese Documenta den Bogen spannen. Und damit auch von einem Krisenherd Europas direkt bis zur beschaulichen Welt des auf sympathische Weise altmodisch wirkenden Cafés Nenninger. Hier weiterlesen: Genre der Kunst - was ist eigentlich eine Installation?