Sanfter Rebell mit ironischem Unterton Reinhard Mey feiert 75. Geburtstag

Von Tom Bullmann

Der Sänger und Liedermacher Reinhard Mey feiert seinen 75. Geburtstag. Foto: dpaDer Sänger und Liedermacher Reinhard Mey feiert seinen 75. Geburtstag. Foto: dpa

Osnabrück. Der Berliner Liedermacher Reinhard Mey blickt zu seinem 75. Geburtstag auf tausende absolvierte Konzerte und einen Fundus von mehr als 500 Songs zurück.

Ein Sprachrohr der Ökobewegung ist er nie geworden. Dafür fährt er viel zu gern, auch mal rasant, mit dem Auto. Oder er fliegt mit dem Flugzeug, hoch über den Wolken, da, wo die Freiheit gar grenzenlos ist. Deshalb ist Reinhard Mey nie ein Messias der Grünen geworden. Aber das andere Stichwort, das er in einem seiner größten Hits formuliert, ist Mey wie ein Lebensmotto auf die Stirn gebrannt: Freiheit. Die Freiheit geht ihm über alles. Über die Freiheit singt er in vielen seiner Lieder. Weil er die Freiheit liebt und er sich nicht in ein Job-Korsett pressen lassen wollte, wurde er Musiker. Heute wird der Berliner, der in seiner Laufbahn mehr als 500 Lieder geschrieben hat, 75 Jahre alt.

Ovationen

Wenn Reinhard Mey auftritt, setzt es Ovationen, ohne dass der Sänger auch nur ein einziges Wort gesagt oder gesungen hat. Er betritt die Bühne und Applaus brandet durch den Saal, weil die Fans einfach froh sind, dass der Mann jetzt für sie spielen wird. Weil er eine Menge Lieder im Gepäck hat, mit denen Mey manch einen Zuschauer in jungen Jahren geprägt hat. Sie freuen sich, seine kräftig-sonore, manchmal aber auch ganz samtige, einfühlsamen Stimme hören zu dürfen, mit der er seine Songs vorträgt, die doch sehr unterschiedliche Texte haben.

Mey erzählt aus dem Leben, von den Menschen, die er kennen lernt, von witzigen Geistern, von Gewinnern und Verlierern, von deren unerfüllten Träumen oder Sorgen. Oder er singt von seinem eigenen Alltag: „Es gibt Tage, da wünscht´ ich, ich wär´ mein Hund“. Den Durchbruch schaffte er mit dem Lied „Der Mörder ist immer der Gärtner“, mit dem er ironisierend den Plot eines jeden Fernsehkrimis vorwegnahm. Berühmt wurde er schließlich mit seinem Traum vom Fliegen: „Über den Wolken“ wurde sein größter Hit. Doch da hatte er seinen Traum bereits Wirklichkeit werden lassen: 1973 hatte Mey den Pilotenschein für Motorflugzeuge gemacht. Das heißt: Er weiß, wovon er singt.

Blick auf die Gesellschaft

Bisweilen passiert es, dass er auf seinen Konzerten nachdenklich wird, weil ihm, der in der 68ern eher ein sanfter Rebell war, heute doch einige Entwicklungen in der Gesellschaft zu weit gehen. „Wo ist meine Sorglosigkeit geblieben“, fragt er sich angesichts grüblerischer Verse, die er ans Publikum richtet. Doch dann beantwortet er seine Frage mit einem heiteren Lied über eine gewisse „Musikpolizei“, die sich dafür einsetzen möge, dass Volksmusik verboten wird, weil sie „gegen die Genfer Konventionen verstößt“.

Da ist sie dann immer noch zu spüren, diese moderate Protesthaltung von früher gegen alles Piefige, Etablierte, Bürgerliche, was Mey in seiner Freiheit hätte einengen können. Damals, Ende der 60er Jahre, wütete die Studentenbewegung in Deutschland und auf Burg Waldeck trafen sich Chanson- und Folklore-Sänger, die den Protestlern zum Sprachrohr wurden. Dort lernte Reinhard Mey Hannes Wader kennen, mit dem er fortan durch die Clubs und Kneipen Berlins tingelte. „Damals gab es das Wort „Liedermacher“ noch gar nicht.“ Mey organisierte eine Tour, die jedem von ihnen eine traumhafte Abendgage in Höhe von 150 Mark bescherte. „Diese mir heute märchenhaft erscheinende Reise in Reinhards altem, hellblauen VW-Käfer – in seiner Erinnerung ist er grau gewesen – veränderte unser beider Leben für immer“, erinnerte sich Wader anlässlich eines gemeinsamen Konzerts zu seinem 60. Geburtstag.

Berufung: Sänger

Sicherlich war es spätestens jetzt für Mey, den Sohn einer Lehrerin und eines Rechtsanwalts, klar, dass er seine Berufung gefunden hatte.

Gern schwelgt er in seinen Konzerten in dieser Vergangenheit, zur Freude seiner Fans, die dann die Hits aus den ersten Tagen wieder live zu hören bekommen: „Ich wollte wie Orpheus singen“ war das erste Chanson, das er 1964 schrieb. Zuvor hatte er in einer Band gespielt, die sich die „Rotten Radish Skiffle Guys“ nannte und sich einer Art New Orleans-Jazz verschrieben hatte. Der Truppe widmete er später ein eigenes Lied. Ansonsten freut sich seine Fangemeinde, wenn er in seiner persönlichen Plattenkiste gräbt. Dann intoniert er diese unvergesslichen Hits, die die Nachkriegskultur Deutschlands prägten und auch heute unvergessen sind: „Ankomme Freitag, den 13.“ oder seine umstrittene Liebesode „Annabelle, ach Annabelle“. 

Die bisweilen im Rahmen von Konzerten an sich selbst gestellte Frage, warum er so gerne in der Vergangenheit schwelge, beantwortet der Sänger aus Berlin Wilmersdorf so: „Der Blick erinnerungswärts hilft mir, die Perspektive für die Herausforderungen der Zukunft im Fokus zu halten.“ Zu diesen Herausforderungen gehört sicherlich der viel zu frühe Tod seines Sohnes Maximilian, der nicht aus einem Wachkoma aufwachte.

Zu später Stunde singt Reinhard Mey dann vielleicht noch in lässiger runde das berühmte Abschiedslied, das früher ein jeder auf der Lippe hatte, der nach einer gelungenen Party den Heimweg antrat: „Gute Nacht, Freunde, es wird Zeit für mich zu gehen, was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette und ein letztes Glas im Steh´n…“