Bislang größte Retrospektive Allein am Kurfürstendamm: Berlin zeigt Jeanne Mammen



Berlin. Weimarer Republik, Drittes Reich, Bundesrepublik: Jeanne Mammen folgte deutscher Geschichte als kritische Beobachterin. Die Berlinische Galerie entdeckt sie neu.

Widerstand geht ganz einfach. Jeanne Mammen führt es 1933 vor. Sie meldet sich als Mitarbeiterin einiger Zeitschriften, deren neue Tendenz sie nicht teilt, einfach ab und firmiert fortan als bloße Gebrauchsgrafikerin. So verschwindet sie vom Radar der nationalsozialistischen Kunstzensoren, die hinter der Grafikerin die ernsthafte Künstlerin nicht ausmachen. In ihrem Wohnatelier am Kurfürstendamm 29 malt Mammen einsam weiter. Die Frau, die als Chronistin der wilden zwanziger Jahre, ebenso wie die Dichterin Mascha Kaleko, Kultstatus erreicht, fertigt in der Verborgenheit Bilder, die so erstaunlich sind, dass sie die Kunsthistoriker bis heute mit ihrer frischen Unangepasstheit irritieren. Die Berlinische Galerie zeigt sie jetzt. 170 Werke aus rund 60 Jahren formieren sich zu einem Überblick, der das gängige Bild Jeanne Mammens gründlich korrigiert. Eine Sensation. Hier weiterlesen: Star mit 102 Jahren - Carmen Herrera wird neu entdeckt.

Federhut und Monokel

Dabei schien die 1890 in Berlin geborene Mammen doch längst einsortiert und abgelegt zu sein. Über dem koketten Gesicht der Dame bauscht sich der Federhut, unter dem Zylinder des Herrn klemmt ein Monokel vor dem Auge und hinter dem Glamourpaar zirkuliert auf Straßen und Hochbahnen der chaotische Verkehr - so wie auf dem Titelblattentwurf „Die Großstadt“ hat Jeanne Mammen 1927 das Berlin der vor hysterischer Lebenslust berstenden zwanziger Jahre nicht nur dargestellt, sondern auf den visuellen Begriff gebracht. Jeanne Mammen zeichnet sie alle, die Bohemiens und Trinker, die Revuegirls und Flaneure. Wer wissen will, wie sich der oft beschworene Tanz auf dem Vulkan angefühlt hat, der ist hier richtig. Das gilt auch für das neue Freiheitsgefühl der Jahre vor dem Sturz in die Finsternis des Dritten Reiches. „Sie repräsentiert“ nennt Mammen die Zeichnung einer jungen Frau im Marlene-Look mit Zylinder und Zigarette. Das Blatt erschien im „Simplicissimus“. So frei war das Lebensgefühl jener Zeit. Hier weiterlesen: Carmen Herrera und andere - wie Künstlerinnen gerade neu entdeckt werden.

Noch eine Marlene

Mammens junge Marlene stemmt kess die Fäuste in die Hüften. Mammen tut es ihr gleich. Sie bleibt zwar in Hitlers Deutschland, bewahrt sich aber dennoch eine erstaunliche innere Freiheit. Das belegen ihre Gemälde, die in den späten dreißiger und frühen vierziger Jahren von Gewalt und Bedrückung erzählen. Sie malt das Bild „Soldat“ von einem Hungerhaken von Mann in Wehrmachtsuniform, ein Bild, das jedem offiziellen Heldenpathos Hohn spricht. Sie lässt den „Würgeengel“ über die Leinwand toben, als Schreckgestalt des mörderischen Krieges. 1945 folgt „Stürzende Fassaden“, eine Kaskade entkernter Hausgerippe als deprimierende Chiffre totaler Kriegszerstörung. Jeanne Mammen hält die Augen offen. Und sie bleibt künstlerisch wach. Pablo Picasso hilft ihr dabei. 1937, bei einer Reise nach Paris, sieht sie dessen Jahrhundertbild „Guernica“. Hier weiterlesen: Das wichtigste Antikriegsbild - Picassos „Guernica“.

Auf eigenem Pfad unterwegs

Stempelt das Jeanne Mammen schon als Nachahmerin ab? Manche Kunsthistoriker haben sie mit diesem Verdikt belegt. Aber die Dinge liegen anders. Mammen folgt einem eigenen Pfad durch die Kunst, abseits der offiziell trassierten Achsen. Das macht ihre Arbeiten aus heutiger Sicht nur umso reizvoller. Nach 1945 formt sie Gemälde mit Kordeln, Drähten und anderen Fundstücken zu skulpturalen Reliefs, komponiert aus bunten Bonbonpapieren berührend schöne Farbornamente und surreal poetische Szenen. Aber selbst bei solchen Expeditionen in ganz neue Bildwelten bleibt Mammen wache Beobachterin des Zeitgeschehens. „Photogene Monarchen“ nennt sie 1967 das aus Bonbonpapieren gefügte Doppelporträt des persischen Schahs Reza Pahlewi und seiner Frau Farah Diba. Durch das glitzernde Bildmärchen aus 1001. Nacht schimmert die bissige Karikatur, mit der die Künstlerin den Studentenprotesten gegen den Schah-Besuch sekundiert. Hier weiterlesen: Die andere Hälfte der Kunst - wie Frauen den Ausstellungsbetrieb verändern.

Kreative Areale

Bis zu ihrem Tod 1976 arbeitet Jeanne Mammen weiter. Ihr Werk wird erst nach und nach wieder entdeckt. Die Berlinische Galerie präsentiert nun den bislang vollständigsten Werküberblick. Wichtiger als die bloße Zahl von Bildern sind die neuen kreativen Areale, die nun sichtbar werden. Von Jeanne Mammen lernen wir, dass die Kunstgeschichte der Moderne nicht nur aus einer Meistererzählung von wenigen Stars und ihren berühmten Bildern besteht. Gerade mit bislang unterschätzten Künstlerinnen und ihren marginalisierten Werken gewinnt das scheinbar vertraute Bild der Kunst mit einem Mal seine inspirierende Vielfältigkeit zurück. Jeanne Mammen liefert dafür das beste Beispiel. Hier weiterlesen: Wie Worpswede Jeanne Mammen neu entdeckte.


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