50 Jahre NOZ – 50 Jahre Zeitgeschehen „Wir schaffen das“: Merkel hat legendären Satz längst relativiert

Von Berthold Hamelmann

Bitte recht freundlich: Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt sich ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren. Foto: dpaBitte recht freundlich: Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt sich ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren. Foto: dpa

Osnabrück. „Wir schaffen das.“ Es sind diese drei Worte, die Bundeskanzlerin Angela Merkel im August 2015 nutzt, um auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise den Deutschen Mut zu machen. Dieser Ausspruch hängt ihr nach, auch wenn Merkel ihn längst relativiert hat.

Es gibt Sätze oder Redewendungen, die bleiben an ihrem tatsächlichen oder vermeintlichen Schöpfer kleben, mal kürzer, mal länger – manchmal auch für die Ewigkeit. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl etwa prägte 1990 den Begriff der „blühenden Landschaften“. Es war seine bildhafte Vision von der ökonomischen Zukunft der neuen Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen. Kohl ist längst Geschichte, doch die „blühenden Landschaften“ bleiben weiter ein Maßstab, wenn es um den Zustand der ostdeutschen Länder geht.

Deutschland als starkes Land

Am 31. August 2015 nutzte Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin die Bundespressekonferenz als Forum, um ihre Flüchtlingspolitik zu verteidigen. In weißer Sommerhose und rotem Sakko ließ sie die Welt wissen: „Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so viel geschafft – wir schaffen das“.

Merkels Worte, eigentlich als Mutmacher gedacht, stehen – abgesehen vom überhasteten Ausstieg aus der Atomenergie nach der Katastrophe von Fukushima – für die umstrittenste Entscheidung ihrer Kanzlerschaft.

Die Angst vor Überfremdung

Denn die drei Worte haben Deutschland bis heute gespalten. Auf der einen Seite stehen die, die weiter an eine mögliche Integration glauben, die auch die positiven Möglichkeiten eines Zuzugs sehen. Bei den Gegnern der Merkelschen These dominieren Angst vor Überfremdung und Terrorsorge in Deutschland. 1,1 Millionen Flüchtlinge kamen 2015 nach Deutschland – eine Rekordzahl.

Die politisch weitreichenden Folgen: Die Alternative für Deutschland (AfD), die sich 2015 nach der zunächst abgewendeten Euro-Krise auf Talfahrt befand, bot plötzlich Enttäuschten, Frustrierten und Opportunisten eine Heimat. Heute ist die rechtspopulistische Partei, die immer noch ein sehr heterogenes Bild abgibt, zum Schrecken der etablierten Parteien eine feste Größe in der politischen Landschaft geworden. Aktuell stellt die AfD mit 94 Sitzen die drittstärkste Kraft im deutschen Bundestag.

Merkel muss relativieren

Von wegen „Wir schaffen das“: Die Flüchtlingsthematik belastet weiter das Binnenverhältnis zwischen CDU und CSU, wie auch die Wochen nach der Bundestagswahl im September 2017 belegen und erschwert eine Regierungsbildung. Zwei Jahre nach dem Merkel-Ausspruch bewerteten knapp 56 Prozent der Deutschen diese Worte als „nicht zutreffend“, wie eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der WELT ergab. Merkel selbst hat den Satz, den sie zunächst immer wieder bekräftigte, längst relativiert – wohl auch unter dem Eindruck der massiven Verluste bei der Landtagswahl am 4. September 2016 in Mecklenburg-Vorpommern (CDU: 19,0 Prozent/ AfD 20,8 Prozent).

Sie verstehe die Skepsis großer Teile der Bevölkerung: „Manchmal denke ich aber auch, dass dieser Satz etwas erhöht wird, das zu viel in ihn geheimnist wird. So viel, dass ich ihn am liebsten kaum noch wiederholen mag, ist er doch zu einer Art schlichtem Motto, fast zu einer Leerformel geworden.“

Am Tag nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin (CDU: 17,6 Prozent - AfD 14,2 Prozent) erklärte die Kanzlerin, ihr Satz habe sich zu einer „unergiebigen Endlosschleife entwickelt“. Stattdessen setzt sie beim Thema Flüchtlinge auf eine neue Rhetorik: „Wir werden aus dieser Phase besser herauskommen, als wir hineingekommen sind“.

„Nicht einfach wiederholen“

Interessant: Politisch hat sich nie eine Auseinandersetzung um die Urheberschaft des Merkelschen Ausspruchs „Wir schaffen das“ entwickelt. Kein Plagiatsvorwurf wurde laut. Mit gleichen Worten hatte sich der damalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) – allerdings eine Woche früher – in seinem Video-Podcast zur Flüchtlingspolitik geäußert. Angesichts der Unzufriedenheit weiter Bevölkerungsschichten mit der Flüchtlingspolitik dürfe man diese drei Worte nicht einfach wiederholen, urteilte auch Gabriel bereits 2016.


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