Sprache im Wandel der Zeit Ein Streifzug von der Vettel zur Rentnerbarbie

Von Christine Adam


Osnabrück. Viele fast oder ganz verschwundene Wörter klingen heute edler, als sie gemeint waren – weil sie Patina angesetzt haben. In der aktuellen Jugendsprache klingen ähnliche Bezeichnungen deutlich derber. Ein kleiner sprachlicher Streifzug von der „Vettel“ zur „Rentnerbarbie“.

Es gibt eine Menge von Wörtern, die sich überlebt und ihre Bezeichnungskraft eingebüßt haben. Manche von ihnen werden noch in einem übertragenen und oft auch ironischen, spaßhaften Sinne benutzt. Das heißt, das was sie bezeichnen, gibt es so nicht mehr. Trotzdem wissen Viele noch, was gemeint war mit den Lotterbuben und Schwerenötern, den Flegeljahren oder Straßenfegern.

Immer mehr Wörter verschwinden aus dem allgemeinen Sprachgebrauch. Entweder liegt das daran, dass sie durch modernere Ausdrücke verdrängt werden, oder dass es die Dinge oder Sachverhalte, die sie bezeichnen, schlichtweg nicht mehr gibt. Im Internet gibt es mehrere Initiativen, die interaktiv mit Lesern Listen bedrohter Wörter erstellen. So ist der Berliner Autor und Journalist Bodo Mrozek mit seinem zweibändigen „Lexikon der bedrohten Wörter“ (2005 und 2006) und seiner Roten Liste bekannt geworden, auf der er im Internet veraltete Wörter sammelt. Der Internetverlag dastextwerk.de kombiniert solche Wörter mit originellen Fotos und bietet entsprechende Postkarten-Sets mit Erklärungen zu Herkunft und Bedeutung der Wörter an.

Mit der Patina der Verklärung

Die fast oder ganz aus dem Sprachgebrauch verschwundenen Wörter klingen irgendwie edel – vor allem die zusammengesetzten wie Gassenhauer oder Drangsal, Zugehfrau oder Possenreißer. Vermutlich deshalb, weil sie uns fern gerückt sind und eine Patina der Verklärung angesetzt haben. Ihr Sinn trifft und betrifft uns nicht mehr so unmittelbar, wie Menschen jener Zeiten, in denen sie noch voll gültig waren. Ein Donnerbalken etwa, für uns heute ein heiteres Kuriosum, war lange eine zugige, extrem unbequeme und übrigens auch sprachlich derbe Angelegenheit.

Wenn man solche Begriffe genauer anschaut, fällt auf, dass viele von ihnen unterschiedliche Typen von Menschen bezeichnen. Die Bezeichnungen unterliegen entweder besonders stark dem Wandel des Zeitgeists oder sind mit besonderem Fleiß erfunden worden – um Charaktereigenschaften kenntlich zu machen. Wahrscheinlich Beides.

Jugendsprache gab es immer

Wer sie auf sich wirken lässt und ihnen dann Bezeichnungen der aktuellen Jugendsprache gegenüber hält, erspart sich ein Soziologiestudium. Immer eingedenk dessen (schöne, alte, eigentlich nur noch literarisch gebräuchliche Formulierung), dass jede Epoche ihre recht flotte, flapsige bis drastische Jugendsprache besaß und besitzt, die nur zu kleineren Teilen in die Umgangssprache eingeht.

Wenig schmeichelhafte Bezeichnungen für Frauen verabschieden sich gerade aus dem deutschen Wortschatz oder haben es schon getan: die Vettel zum Beispiel. Petra Cnyrim, deren „Buch der leider vergessenen Wörter“ mit begriffen von A-Z, gerade beim Riva-Verlag erschienen ist, umschreibt die Vettel als „Beleidigung einer alten, oft zwielichtigen Frau“ und leitet sie von lateinisch „vetula“ (altes Weib) ab. „Alte Hexe“ wäre für sie ein vergleichbarer Ausdruck.

Dem hat die Jugendsprache im gleichfalls gerade erschienen Langenscheidt-Lexikon „100 % Jugendsprache 2018“ nichts direkt entgegenzusetzen. Oder ist der emotionale Abstand zwischen den Generationen größer geworden? Darauf ließe der Blick auf bloße Äußerlichkeiten schließen: „Rentnerbarbie“ nennt die Jugend von heute respektlos, aber punktgenau eine übermäßig geschminkte alte Frau, „Wandelboje“ eine schwimmende alte Frau mit Badekappe. Die Bezeichnungen für wenig angenehme Damen wie Bissgurn (scharfzüngige, bissige Frau), Xanthippe (zänkische Frau des Sokrates), Thusnelda (nervige Ehefrau des Cheruskerfürsten Arminius, heute noch als „Tussi“ gebräuchlich), Schrapnelle (für unangenehme, hochexplosive ältere Frau) haben weitgehend ausgedient. Und auch die Metze (Prostituierte) findet nur scheinbar eine neue Entsprechung in der zeitgenössischen „Wanderhure“ (Mädchen, das leicht zu haben ist).

Die Welt des Eros und der Waren

Die Varianten sexueller Beziehungen darf man heute wohl differenzierter benennen: „Sidechick“ ist eine Frau, mit der man eine Affäre hat. Kürzer dauert es mit der „Einwegtussi“, die man vielleicht noch „entkorkt“ hat (entjungfert, sagte man früher dazu). Tja, die Welt der Waren hat längst fast Alles an sich gezogen.

Doch auch für Bewunderung drückt die Jugend von heute eigenwillig und variantenreich aus: „Schnapper“ heißt bei ihr eine gut aussehende Person, die man sich schnappen muss. „Pornofee“ ein Mädchen, dass sexy und süß ist. „Swaggernaut“ heißt eine extrem coole Person, „Synapsenkitzler“ jemand oder etwas Außergewöhnliches. Eine Frau, die von hinten besser aussieht als von vorne, ist jungen Leuten sogar eine eigene Bezeichnung wert: „Bakku-shan“ (aus dem Japanischen) heißt sie. „ Steiler Zahn“ wie die Jugend von einst – das sagt doch keiner mehr.

Den bildlich leicht vorstellbaren Dreikäsehoch von einst nennt die Jugend heute ein „Standgebläse“ (kleines Mädchen), „Schmon“, „Badekappenkind“ (beides für unselbständiges, bemuttertes Kind) oder „Milchreisfresse“ (einst Milchgesicht). Die einstige Göre, der Backfisch, der Wildfang – wohl endgültig vom Winde verweht.

Medien stehen Pate

Film und Medien stehen nun Pate für die „Tinderella“, die extrem Online Dating Plattformen nutzt, den „Wikiwisser“, einen Besserwisser, der sein oberflächliches Wissen im Internet recherchiert, den „Smartphucker“ (von Fucker), der immer nur am Smartphone hängt, dem „Smombie“, eine Mischung aus Smartphone und Zombie, der mit Blick aufs Smartphone und sonst gar nichts über die Straße geht. Beim „Smottel“ haben Smartphone und Trottel zueinandergefunden.

Der „Spermienator“ gönnt sich viele One-Night-Stands. Entspricht er unverblümter dem sprachlich ziemlich verblümten „Schwerenöter“ von einst? Mehr wohl dem früheren Galan, Liebhaber vieler Frauen, dem Lotterbuben, vielleicht auch dem Hallodri oder dem Tausendsassa. Mehr ins Übermütige und Despektierliche ging es mit dem Halbstarken, Hundsfott, Flegel, Fatzke (trägt seine vermeintliche Überlegenheit zur Schau), dem Gammler der 60er Jahre, dem Tunichtgut, Halunken, Spitzbuben und der Kanaille (gemeiner Kerl). Doch ihre Zeiten sind vorbei.

Verblasste Mythen

Was hat das jugenddeutsche „Eckenkind“, eine Person ohne Freunde, oder der „Einwegspritzer“ (wie uncharmant für „Single“) noch mit verblassten Mythen wie dem Hagestolz, dem Eigenbrötler, Einsiedler oder dem Knasterbart zu tun? Stolzes, Eingenwilliges im Einzelgängertum wohl kaum. Immerhin hat der alte Waldschrat noch im neuen „Schrat“ überlebt, einem bärtigen stämmigen Mann ohne Manieren.

Die Jungen reden mit dem „Assizwerg“ (ungezogenes Kind ohne Benehmen), dem „Azzlack“ (asoziale Person), dem „Beckenrandschwimmer“ (Versager), „Blähboy“ (Stinker in einem Freundeskreis), „Brotgehirn“ (Idiot, dummer Mensch), „Butterbirne“ (komplett verplanter Mensch), „Koffer“, „Tonkel“ (beides für Idiot), „Generalingo“ (jemand, des sich besonders ungeschickt anstellt) ziemlich deutlich Fraktur. Halt, Fraktur reden, das Wort für unverblümtes Mitteilen einer Meinung, gibt es auch nicht mehr. Petra Cnyrim führt es zurück auf die ersten deutschsprachigen Bücher. Sie waren in sehr klarer Frakturschrift, also ohne Verschnörkelungen und praktikabel für den damaligen Bleisatz, gedruckt. Damit gehört das Frakturreden zu den Begriffen, die ihre sinnbildliche Kraft nicht ganz eingebüßt haben.

Hier ist nichts „gefringst“

Wer nun alles besser weiß und zur Gardinenpredigt (einst die den angetrunken oder verspätet heimkommenden Mann hinter der Bettgardine maßregelnden Mann) ansetzt, der sei damit beschwichtigt, dass an diesem Artikel immerhin nichts „gefringst“ ist, es sich also um eigene Beobachtungen handelt. Auch wenn das Fringsen, im harten Winter 1946 entstanden, als der Kölner Kardinal Joseph Frings das Brikettklauen von Zügen als notwendiges Übel gelten ließ, nun wirklich mausetot ist. Oder?


Eines von vielen Büchern zum Thema ist Petra Cnyrims gerade erschienenes „Das Buch der vergessenen Wörter“, Riva-Verlag 2017, 224 S. 14,99 Euro. Brandaktuell ist auch „100% Jugendsprache 2018“, alle deutschen Wörter und Wendungen von Jugendlichen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, Langenscheidt-Verlag 2017, 160 S., 5 Euro.