50 Jahre NOZ – 50 Jahre Zeitgeschehen Italienisches Trauma: Beim Untergang der Costa Concordia 32 Menschen

Von Berthold Hamelmann

Wie ein gestrandeter Wal lag die Costa Concioida für zweieinhalb Jahre im Wasser. Foto: dpaWie ein gestrandeter Wal lag die Costa Concioida für zweieinhalb Jahre im Wasser. Foto: dpa

Osnabrück. Maritimer Alptraum: Vor der italienischen Insel Giglio rammt am 13. Januar 2012 das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia einen Felsen. 32 Menschen, darunter 12 Deutsche, sterben bei dem Unglück.

Der Abend ist schon fortgeschritten. Doch viele der 3200 Passagiere auf dem Kreuzfahrtriesen Costa Concordia genießen noch ganz entspannt das Abendessen. Um 21.45 Uhr erschüttert ein gewaltiger Ruck das Schiff. Kurz darauf fällt die komplette Stromversorgung aus. Was fast keiner so schnell mitgekommen hat: Die Generatorräume sind schon von eindringenden Wassermassen überflutet.

Kapitän „von Bord gefallen“

Kapitän Francesco Schettino hatte den Luxusliner mit 4229 Menschen an Bord viel zu nahe und mit großer Geschwindigkeit an die Insel Giglio gesteuert. Ein Felsen riss den Rumpf auf einer Länge von 70 Metern auf. Das Verhalten des Kapitäns löste in Italien ein Trauma aus – ein Italiener als Großmaul, als „Kapitän Feigling“ entlarvt, der für nichts die Verantwortung übernehmen wollte. Kübelweise Spott und Häme goss die Presse über den Mann aus, der als einer der ersten das Schiff verließ, weil er – nach eigenen Worten – „von Bord gefallen und zufällig in einem Rettungsboot gelandet sei“.

Die Gerichtsverfahren gegen Schettino zogen sich über Jahre hin. Im Februar 2015 war er verurteilt worden. Aber erst als der Oberste Kassationsgerichtshof – das höchste Gericht Italiens – das Urteil bestätigt hatte, trat der Ex-Kapitän im Mai dieses Jahres seine 16-jährige Gefängnisstrafe an.

Wobei der Ex-Kapitän nicht die alleinige Verantwortung für das Unglück zuerkannt bekommen hat. Vier Besatzungsmitglieder der Costa Concordia und der Krisenkoordination der Reederei Costa Crociere waren bereits zu Haftstrafen zwischen 20 und 34 Monaten verurteilt worden.

Horrende Bergungskosten

Die aufwändige Bergung der Costa Concordia dauerte nicht nur Jahre. Nach Medienberichten soll die Aktion etwa 1,5 Milliarden Euro gekostet haben, etwa dreimal so viel wie der Bau des Kreuzfahrtschiffes, das 2006 bei seiner Indienststellung als das größte italienische Kreuzfahrtschiff galt. 1100 Besatzungsmitglieder sorgten auf dem 290 Meter langen und knapp 36 Meter breiten Luxusliner für das Wohl der maximal 3780 Passagiere.

Experten gehen davon aus, dass die Zahl von 32 Toten vergleichsweise niedrig ausfiel, weil das manövrierunfähige Schiff vor der Insel Giglio gestrandet und nicht aufs offene Meer hinausgetrieben worden war – dort wäre es versunken.

Das Katastrophenmanagement auf der Costa Concordia war, auch da sind sich Fachleute einig, katastrophal. Statt angesichts der Notfalllage eine umgehende Evakuierung anzuordnen, versuchte der Kapitän es zunächst mit Beschwichtigungen. Erst nach einer knappen Stunde forderten Schiffssirenen zum Verlassen des Schiffes auf. Zu diesem Zeitpunkt schwammen bereits einige Passagiere im eiskalten Wasser dem rettenden Hafen entgegen.

Ein Menetekel für die Kreuzfahrtindustrie

Der schneeweiße Luxusliner lag nach der Havarie für zweieinhalb Jahre wie ein gestrandeter Wal vor der kleinen Insel Giglio – fast wie ein Menetekel für die boomende Kreuzschifffahrtsindustrie.

Die Anhänger dieser Urlaubsform ließen sich von dieser durch menschliches Versagen ausgelösten Katastrophe nicht beirren. Als unheilverkündende Warnung interpretierte niemand das Unglück.

Nach ersten Prognosen könnten 2017 mehr als zwei Millionen Deutsche auf den Ozeanen urlauben. 2020 sollen es drei Millionen sein. Weltweit werden 2017 voraussichtlich 25,3 Millionen Menschen eine Kreuzfahrt gebucht haben.

Immer größere Luxusliner

Die Kreuzfahrt-Industrie reagiert mit dem Bau immer größerer Schiffe, die teilweise für mehr als 6000 Passagiere ausgelegt sind. Die auf Kreuzfahrtschiffe spezialisierten Reedereien sind im Kaufrausch: Nach Medienberichten stehen derzeit 75 Luxusliner in den Auftragsbüchern der vier Werften, die technologisch in der Lande sind, derart anspruchsvolle Schiffe bauen. Dazu zählt auch die Meyer Werft in Papenburg.

Die Branche steht durchaus vor einem Dilemma. Kreuzfahrtschiffe, die mit Schweröl betrieben werden, gelten als Dreckschleudern. Nur 17 der 75 jetzt in Auftrag gegebenen Schiffe werden mit verflüssigtem Erdgas (LNG), dem umweltfreundlichsten Treibstoff für Schiffe, fahren. Und noch auf längere Sicht gibt es nicht in jedem Hafen die entsprechende Infrastruktur, die die Versorgung mit Erdgas sicherstellt.

Probleme bereiten auch die Hafenstädte, wo die riesigen Luxusliner längst nicht mehr Begeisterungsstürme bei den Einheimischen auslösen. Venedig etwa plant ab 2019 ein Verbot der übergroßen Kreuzfahrtschiffe, d ie dann nicht mehr am Markusplatz vorbeiziehen dürfen.


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