Schau in Frankfurts Architekturmuseum Brutalismus-Stil: Monster oder Meisterwerk?

Von Christian Huther

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Frankfurt. Kalt und anonym wirken Betonbauten heute auf viele Betrachter. Das dies vor einigen Jahrzehnten anders war, zeigt die Ausstellung „SOS Brutalismus. Rettet die Betonmonster!“im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt.

Einen schönen Vergleich hat sich Oliver Elser ausgedacht. Er postiert eine Flasche edelsten Champagners am Beginn einer Ausstellung über Betonbauten. Eigentlich ist es nur ein Wortspiel: Der Champagner ist trocken oder „brut“, wie der Franzose sagt; die Betonbauten wiederum firmieren unter dem Stil „Brutalismus“, vom Französischen „béton brut“ für unverputzten Sichtbeton. Aber es gibt noch eine zweite Ebene: Champagner ist etwas Besonderes, ein Betonklotz indes offenbart sich nicht auf den ersten Blick als Juwel. Die Mühe sollte man sich aber machen, meint Elser, der Kurator des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt (DAM).

Tatsächlich gelten Betonbauten nicht gerade als prickelnd, sie werden von der breiten Masse als anonym und kalt abgelehnt. Dass dies in den frühen 50er bis in die späten 70er Jahre anders war, zeigt jetzt das Architektmuseum. „SOS Brutalismus. Rettet die Betonmonster!“, so der Titel der Schau, plädiert für die ungeliebten Bauten, die längst in die Jahre gekommen sind. Sie sind ein Fall für die Sanierung, für den Denkmalschutz oder für die Abrissbirne. Vieles ist also schon durch Umbau entstellt, vieles steht auch nicht mehr.

Eine mühsame, aber erfolgreiche Spurensuche dank einer vor zwei Jahren eingerichteten Website (www.sosbrutalism.org), die jetzt 1100 Bauten weltweit verzeichnet. Der Brutalismus war ein internationaler Stil, aber mit unterschiedlichen Ausprägungen in den Ländern oder Regionen. In Lateinamerika war er ebenso populär wie in Israel, wo sehr skulpturale Bauten entstanden, moderne Burgen ebenso wie nüchterne Unibauten mit hoher Kuppel, einer Art Betongotik.

So ist kaum auf einen Nenner zu bringen, was genau ein brutalistisches Gebäude ausmacht. Auch die 60 Bauten, die Elser mit Fotos, Modellen und Zeichnungen vorstellt, geben kein einheitliches Bild ab. Als Vater des Brutalismus gilt Le Corbusier mit seiner 337 Appartements zählenden Wohnmaschine in Marseille (1947-52), bald gefolgt von Alison und Peter Smithsons Schule in Großbritannien. Das Ehepaar ließ den Backstein auch innen unverputzt und verlegte darauf Strom- und Wasserleitungen – heute die Ikone des puren Bauens ohne jede Zierde. Es muss also nicht immer Beton sein. Aber das Material wurde zelebriert, das Handwerk gefeiert. Vor allem Rathäuser, Kirchen und Museen wurden in Beton errichtet, wie die Schau zeigt. Denn Beton fiel ins Auge, war also repräsentativ. Auch der soziale Wohnungsbau profitierte vom Betonboom – die Folgen sind bekannt. Freilich hat sich auch die Stimmung gewandelt. Was heute als trist bezeichnet wird, galt nach 1945 als optimistisch und progressiv. Damals wollte man bewusst mit der Geschichte brechen.

Aber wie war das noch mal mit dem Champagner und dem Juwel im Betonklotz, mit Monster oder Meisterwerk? Elser erläutert das am 2014 gesprengten AfE-Turm der Frankfurter Uni. Der 116 Meter hohe Turm hatte eine brutalistische Fassade aus Betonbänken, die zur Verschattung dienten. Der eigentliche Clou aber war von außen nicht sichtbar. Im Südteil gab es 31 Verwaltungsetagen, im Nordteil 23 Etagen mit anderthalbfacher Höhe für Hörsäle und Bibliotheken – den Turm hätte man gut umbauen können zu größeren und kleineren Wohnungen, meint Oliver Elser.


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