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Punk-Rebellin und Mode-Klassikerin: Heute wird Westwood 70 Sicherheitsnadel und Korsett

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Osnabrück. Manche halten sie für schräg. Dabei ist sie immer nur eins – sehr geradeaus. Manche glauben, sie sei die Queen of Punk and Trash. Dabei gibt es für Vivienne Westwood weder guten noch schlechten, sondern immer nur entschiedenen Geschmack. Westwood, neben John Galliano und dem tragisch früh verstorbenen Alexander McQueen Inbegriff für feinste Mode von der britischen Insel, verhäkelte nicht nur Schottenkaro und Plateauschuh zu einem inspirierenden Look, sondern vernähte auch High und Low, rebellisches Fetzenoutfit und die Grandezza der Tradition. Nicht nur ihre Mode, auch ihre ganze Person scheint nichts anderes als den Aufstand gegen Konvention und Normen zu verkörpern. Dabei griff Vivienne Westwood nach ihrer heftigen Frühzeit später umso entschiedener auf die Tradition zurück. Ein Widerspruch? Keineswegs. Der Weg Westwoods belegt nur, dass im produktiven Netzwerk der Kultur Alt und Neu nur sekundäre Bezugsgrößen sind.

Dabei startete Vivienne Westwood explosiv als der Inbegriff eines neuen Looks. Löcher-Shirts, Sicherheitsnadeln, Stiefel: Als Gefährtin von „Sex Pistol“-Gründer Malcolm McLaren kreierte Vivienne Westwood den Punk als Modestil. Die als Tochter eines Baumwollspinners und Lebensmittelhändlers in der Nähe von Manchester geborene Westwood eröffnete 1970 auf der Londoner King’s Road ihren ersten eigenen Laden. Dem wilden Wechsel seiner Namen – von „Let it rock“ bis „World’s end“ – entsprach die kreative Unruhe, die von diesem Dampfkochtopf einer unerhört frischen Mode ausging. Mode als Aufschrei, als Protest, als grelle Nonkonformität – all dies verbindet sich bis heute mit dem Namen Westwoods. Ihre Entdeckungslust und Energie reichten dafür aus, sich auch mit der Rebellion als Stiletikett nicht zufrieden zu geben.

Die inzwischen zur „Dame“ Geadelte mit den bis heute feuerroten Haaren muss zu genau gespürt haben, dass auch die Revolte zur Pose erstarren kann. Also tat sie Ende der Siebzigerjahre, was Punker entsetzt haben muss – sie griff tief in die Kostümkiste der Historie .

1981 präsentierte sie mit „Pirates“ ihre erste eigene Kollektion – und mit Schlapphüten, Stulpenstiefeln und plakativem Mustermix ein Fest der historischen Reminiszenz. Westwood machte diesen forcierten Historismus zu ihrem leitenden Stilprinzip. Mit der Kollektion „Mini-Krini“ holte sie 1985 bis dahin vergessene oder gar verpönte Kleidungsstücke wie das Korsett und die Krinoline aus scheinbar verschollenen Vergangenheiten der Modegeschichte zurück, 1995 machte sie in ihrer Kollektion „Vive la Cocotte“ unverhohlene Anleihen bei der Mode verblasster Pariser Halbwelten, und in „Portrait“ verwendete sie Bildmotive des französischen Rokoko, insbesondere von François Boucher und Antoine Watteau. Museumsreif war ihr Werk schon vor Jahren – 2004 mit einer Retrospektive im Londoner Victoria&Albert-Museum und 2006 mit einer sprühend vitalen Schau im Düsseldorfer NRWForum.

Westwood bringt das Kunststück fertig, eine Mode der Unerwartbarkeit zum oft kopierten Vorbild gemacht zu haben. Kein Wunder: Die Frau versteht sich auf spektakuläre Volten. Das Kleid, das Kate Middleton bei ihrer royalen Hochzeit am 29. April tragen wird, schneidert sie übrigens nicht. Schade eigentlich. Jetzt geht die Zeremonie ohne Sicherheitsnadel über die Bühne.


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