Marvels „Thor: Ragnarok“ „Thor 3“: Demontage des Superhelden

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Berlin. „Thor 3: Tag der Entscheidung“ schlägt lustige Töne an – und macht seinen Helden damit für weitere Marvel-Filme unbrauchbar. Wie soll man einen Donnergott noch ernstnehmen, den sein eigener Regisseur über den kosmischen Donnerbalken ins Universum kackt?

Schon am Dienstag, 31. Oktober, läuft „Thor: Tag der Entscheidung“ an. Regisseur Taika Waititi versucht sich darin an der Marvel-Ironie im Stil der „Guardians“. Warum funktioniert es nicht?

Der Autor entmannt den Helden: Stan Lees Gastauftritt

Zum Marvel-Kino gehören Gastauftritte von Stan Lee. Auch diesmal ist der 94-jährige Autor, der die Comic-Helden der Filmreihe erfunden hat, wieder dabei. Und zwar als Friseur: Als der Donnergott Thor zum Gladiatorenkampf gezwungen wird, schert Lee persönlich ihm den Kopf. Das ist ein gängiges Bild für die Entmannung; und tatsächlich betreibt die Action-Komödie „Thor: Tag der Entscheidung“ die Kastration des Helden. Thor wird zur Lachnummer. (Marvel-Wissen: Was passiert in „Avengers: Infinity War“?)

Wovon handelt „Thor 3“?

Bevor es ihm an den Kragen geht, ist sein Vater an der Reihe. Odin stirbt; die Erbfolge ist umstritten. Thors Schwester Hela strebt auf den Thron, führt als Göttin des Todes aber nichts Gutes im Schilde. Thor muss einschreiten, sitzt aber auf dem Schrottplaneten Sakaar fest. Als Gefangener eines Grandmasters soll er das Volk in der Arena amüsieren. Sein Gegner ist der Hulk – und der braucht lange, um Thor als seinen alten Freund wiederzuerkennen.

Thor – der Problem-Held unter den Avengers

Mit seinen ersten zwei Abenteuern hat der Donnergott über eine Milliarde Dollar eingespielt. Im Team der Avengers bleibt er trotzdem ein Problem-Held, den schon die Herkunft aus dem nordischen Mythos zum Anachronismus macht. Die smarte Urbanität von Helden wie Iron Man kontaminiert Thors Erscheinung mit dem Pomp des Sandalenfilms. Genau darauf reagiert nun Taika Waititi – ein neuseeländischer Komiker und Regisseur der größten Kino-Hits des Landes –, wenn er „Thor 3“ als bonbonfarbene Komödie anlegt. Jede Szene demonstriert, dass er seinen eigene Hauptfigur nicht ernstnehmen kann. Das beginnt schon bei Thors Gefangenschaft, als eine Menschenhändlerin ihm einen ferngesteuerten Elektroschocker einpflanzt – der den Gott zur Muskel-Marionette verkleinert. Es setzt sich fort, als Thor sich befreit; denn der Fluchtweg führt durch das Wurmloch Devil’s Anus: Teufelsanus. Waititi kackt seinen Helden also einmal quer durchs Universum. Am Ende ist dem Donnergott vom Donnerbalken selbst nichts mehr heilig: Als neben ihm ein Unschuldiger ermordet wird, widert Thor nicht das Verbrechen an – sondern der übel riechende Matsch, der vom Opfer übrigbleibt. (Marvel-Serien: Was taugen die Superhelden von Netflix?)

Lustiger Selbstbezug: Was macht Matt Damon in „Thor“?

Brachiale Tiefschläge wie diese bedeuten nicht, dass „Tag der Entscheidung“ grundsätzlich plump wäre. Im Gegenteil: Die oft wirklich komischen Gags steigern die ohnehin intensive Selbstironie der Marvel-Welt noch einmal gewaltig. Der Film strotzt von Persiflagen, die den Kult um die Marvel-Comics ad absurdum führen. Der Schaukampf in Sakaars Kolosseum ist eine Parodie der eigenen Action-Dramaturgie; die Hulk-Manie auf dem Schrottplaneten gleicht dem Irrsinn von Marvel-Fantreffen. Einer von Waititis größten Coups ist dann ein Theaterstück im Film: Am Hofe Odins wird ein Königsdrama gegeben, in dem üble Knallchargen Thor, seinen Bruder Loki und Odin verkörpern – die realen Darsteller dahinter heißen Matt Damon, Sam Neill und Luke Hemsworth; er ist ein Bruder des „Thor“-Stars Chris Hemsworth. Dieser Auftritt ist unbestreitbar ein Kracher. Einerseits.

Andererseits bedeuten Superstars, die schlechte Schauspieler darstellen, einen harten Illusionsbruch. Und das ist das große Problem von „Thor: Tag der Entscheidung“. In über zwei Stunden bleibt die rudimentäre Geschichte ein bloßer Vorwand für Gags. Die Production Designer sind dieselben wie beim „Herrn der Ringe“, aber trotzdem hat man nie das Gefühl, in einem physischen Kosmos zu sein. Sogar Thor beschwert sich einmal darüber, dass ihm hier alles viel zu bunt ist. (Wer ist Howard the Duck? Erinnerung an Marvels größten Flop)

Wie sind Jeff Goldblum und Cate Blanchett?

Cate Blanchett spielt die Göttin Hela mit der Herablassung einer New Yorker Intellektuellen; Jeff Goldblum macht aus dem Grandmaster einen charakterlosen Wohlstandsidioten. Beides tolle Einzelleistungen – die Waititi entwertet, indem er sie mit computergenerierten Scheußlichkeiten zusammenbringt. Sein Riesenwolf, sein Flammenmonster Surtur sind millionenschwerer Trash.

Hinter der Selbstbezüglichkeit von „Thor 3“ ist ein Vorbild erkennbar: Auch Marvels „Guardians of the Galaxy“ lachen gemeinsam mit den Fans über sich selbst. Die Partystimmung ihrer Filme aber , die ausgelassene Herzlichkeit, mit der sie ihre eigene Absurdität feiern, kommt bei Waititi nicht auf. Seine Geschichte bleibt ein Witz ohne Seele. Im Original heißt der dritte „Thor“-Film „Ragnarok“, nach dem altnordischen Wort für den Untergang der Götter. Passt.

„Thor: Tag der Entscheidung“. USA 2017. R: Taika Waititi. R: Chris Hemsworth, Cate Blanchett, Tom Hiddleston. 130 Minuten. Ab 12 Jahren.


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