Schau im Wallraf-Richartz-Museum Köln zeigt Malergenie Tintoretto als Shootingstar

Von Dr. Stefan Lüddemann


Köln. Der Superstar als junger Mann: Die grandiose Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zeigt, was auch Woody Allen und David Bowie nach Tintoretto süchtig machte.

Zwei Könige verharren andächtig, der Dritte aber hat es eilig. Von vorn her schreitet er mit wehendem Mantel auf den Jesusknaben zu, streckt ihm schon das Fäßchen mit Weihrauch und Myrrhe entgegen. Gerade einmal 18 Jahre ist der Maler, der aus dem Motiv der „Anbetung der Könige“ 1537/38 seinen eigenen vehementen Auftritt macht. Wie der junge König stürmt er die Kunstszene Venedigs. Jacopo Robusti (1518-1594), der eher klein geratene Sohn einer Färbers, wird als „Färberchen“ verspottet. Das macht ihm nichts. Er nimmt den Spitznamen an, unter dem er als Genie in die Kunstgeschichte eingehen wird: Tintoretto. Hier weiterlesen: Köln zeigt Tintoretto - ein Höhepunkt des Jahres 2017.

Grelle Schlagzeile

„A Star was born“: Der Titel der Ausstellung, mit der Köln nun die Reihe der Tintoretto-Präsentationen zu seinem 500. Geburtstag 2018 eröffnet, klingt nach der grellen Schlagzeile aus der Marketingabteilung. Dabei holt keine Übertreibung ein, was das venezianische Ausnahmegenie schon als ganz junger Mann leistet. Kurator Roland Krischel versammelt nicht nur kostbare und seltene Leihgaben, darunter die „Anbetung“ aus dem Madrider Prado, die nach seinen Angaben zum ersten Mal in einer großen Tintoretto-Ausstellung zu sehen ist, oder jenes „Porträt eines weissbärtigen Mannes“ aus dem Wiener Kunsthistorischen Museum, in dessen Anblick sich Thomas Bernhard in seinem Roman „Alte Meister“ seinerzeit verhakte. Krischel betreibt Spurensuche. Und die liest sich so spannend wie ein Krimi. Hier weiterlesen: Rembrandt und Co - Hamburg zeigt Geburt des Kunstmarktes.

Extreme Spannung

Nun erfahren wir, dass der Künstler Plastiken und Büsten wie besessen im Schein von Öllampen zeichnete, um die dramatische Wirkung der Figuren auf seinen Gemälden zu erhöhen. Wir bemerken, dass der Künstler auf dem Gemälde „Joseph und Potifars Weib“ den Kopf des sich von der verführerischen Frau wegdrehenden Joseph mehrfach weiter nach rechts setzte, um die Spannung der Komposition bis an den Punkt ihres Zerreißens zu führen. Jean-Paul Sartre nannte Tintoretto den ersten Filmregisseur der Geschichte. In Köln sehen wir nun diesen ganz jungen Mann mit geradezu flammender Fantasie am Werk. Auf einem achteckigen Gemälde lässt er Semele im gewaltigen Blitzschlag ihres Geliebten Jupiter verbrennen - eine Szene aus Sex and Crime wie aus dem Blockbuster-Kino. Hier weiterlesen: Malergenie Lucas Cranach auf dem Röntgentisch.

Newcomer in der Mega-City

Tintoretto treibt alles, was er berührt, auf die Spitze. Kurator Krischel führt Werke zusammen, die belegen, wie schnell und sicher im Zugriff, der gerade einmal zwanzigjährige Maler Kunstgattungen kombiniert, komplizierte Bildarchitekturen konstruiert und aus biederen Motiven aufregende Kunstwerke macht. Kunsthistoriker beschreiben das Venedig der Zeit Tintorettos als eine Mega-City im Aufbruch, sprechen von den „Roaring Forties“ der Lagunenstadt. Wer in dieser quirligen kulturellen Szene mitspielen will, muss auffallen. Tintoretto begreift das sofort. Und liefert einen Aufreger nach dem anderen. Auf dem „Emmaus-Mahl“ schiebt er den Tisch, an dem Christus sitzt, diagonal in den Bildraum, verspannt die Bewegungsrichtungen der Figuren in kontrastreichen Diagonalen. Das Gemälde „Der Kampf Georgs mit dem Drachen“ zeigt den Helden im Hintergrund, während die Prinzessin, die er befreit, geradezu aus dem Bildraum heraus auf den Betrachter zuzutaumeln scheint. Hier weiterlesen: Kunststars im Gespann - Museen setzen auf Konflikt.

Streit mit Tizian

„Kapriziös, schnell und kühn“ arbeite Tintoretto, wird Giorgio Vasari (1511-1574) in seinen berühmten Künstlerbiografien später schreiben, und dem Künstler bescheinigen, er sei „der furchterregendste Intellekt, den die Malerei je besessen“. Angsteinflößender vermag ein Kompliment kaum zu sein. Das „Färberchen“ muss jedenfalls wie ein Blitzschlag durch die Kunstszene gefahren sein. Er emanzipiert sich rasend schnell von seinem Lehrer Bonifacio de Pitati, arbeitet zeitweise mit Giovanni Galizzi zusammen, den Kunsthistoriker lange für sein Double halten. Vor allem aber unterhält Tintoretto eine spannungsreiche Beziehung zu dem älteren Tizian, in dessen Werkstatt er zeitweise arbeitet. Forscher wie Roland Krischel können den Zeitpunkt datieren, an dem sich die beiden Genies überwarfen. Tizian soll wohl ein Gemälde von der Hand Tintorettos als sein eigenes Werk ausgegeben haben. Der macht später seine Urheberschaft öffentlich - eine klare Kampfansage. Hier weiterlesen: Rassistische Bildtitel? Kontroverse um Meisterwerke.

David Bowies Tintoretto

Das wahre Genie ist schnell, zu schnell für fast alle Konkurrenten. Die Kölner Schau versetzt den Klassiker Tintoretto für uns wieder in Bewegung. Sie macht so auch nachvollziehbar, warum Kreative späterer Zeiten so enthusiatisch auf den Venezianer reagierten. Max Beckmann (1884-1950) schaute sich für seine verkanteten Bildräume viel bei Tintoretto ab. Woody Allen erwies dem Renaissancegenie in seinem Musicalfilm „Everyone Says I Love You“ seine Referenz, als er Julia Roberts vor seinen Gemälden auftreten lässt. David Bowie gar besaß seinen eigenen Tintoretto, ein Bild der Heiligen Katharina. Wahre Könner erkennen einander - auch über den Abstand von Jahrhunderten hinweg.


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