Umfrage auf Frankfurter Buchmesse Krise des Buches: Hat das Lesen noch eine Zukunft?

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Frankfurt am Main. Das Buch ist am Ende: Diese These schockt die Verlagsbranche. Aber stimmt das auch? Vertreter des Literaturbetriebes widersprechen, sagen aber auch, was sich ändern muss.

„Ist das Buch am Ende?“: Diese Schlagzeile der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist den Spitzenvertretern der Buchbranche in die Knochen gefahren. Gerade in den letzten Jahren sei der Buchumsatz deutlich eingebrochen, hieß es in der FAZ. Zuletzt legte Piper-Verlagschefin Felicitas von Lovenberg im „Buchreport“ sogar noch nach. „Es geht darum, das Kulturgut Lesen vorm Aussterben zu bewahren“, prophezeite die frühere Literaturkritikerin, die inzwischen zum Vorstand des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gehört. „Uns allen brechen die Leser weg“, zitiert der Buchreport aus einem Interview von Lovenbergs. Noch 2012 hat sich den Angaben nach jeder Deutsche jährlich ein Buch gekauft. Diese Reichweite habe sich inzwischen halbiert. Hier weiterlesen: Bücher gegen den Hass? Buchmesse will politisch sein.

„Buchgeschäft stabil“

Ist das Buch wirklich am Ende? „Mitnichten“, konterte Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, umgehend bei der Pressekonferenz zum Start der Buchmesse 2017 und fügte an: „Das Buchgeschäft ist erstaunlich stabil geblieben“. Ähnlich beschwichtigend beschrieb auch Markus Dohle, Vorstandsvorsitzender des Verlagsgiganten Penguin Random House, die Lage auf dem Buchmarkt. Wer nachfragt, hört dennoch Zwischentöne, die leichte Beunruhigung erkennen lassen. „Wir wollen näher beim Leser sein“, versichert Juergen Boos im Gespräch mit unserer Redaktion. Das Lesen und der Leser - sie bilden den geheimen Fokus der Frankfurter Buchmesse 2017. Hier weiterlesen: Neue Ideen gesucht - der Kommentar zur Buchmesse.

Lesung mit Dan Brown

Der Leser soll vor allem mit großen Events umworben werden. Juergen Boos verweist auf das Zugpferd unter den Veranstaltungen. Am Samstag, 14. Oktober 2017, liest Dan Brown im Congress Center aus seinem neuen Blockbuster-Buch „Origin“. „1500 Teilnehmer sind schon angemeldet“, sagt Boos stolz, als könne diese Nachricht allein alle negativen Prognosen über das Lesen verblassen lassen. Zugleich weiß der Messechef aber auch, dass der Leser in einem Bereich jenseits des Buches kontaktiert werden will. Selfpublishing, Streaming, Netflix - es sind die neuen Publikationsformen und Verbreitungskanäle, die es dem Buch schwer machen, weil sie den schnelleren Weg zum Leser finden. „Es geht um die gute Geschichte. Der Geschichte ist das Medium egal“, meint Boos. Hier weiterlesen: Gastland Frankreich auf der Buchmesse - Sieben Lesetipps.

„Krise der Konzentration“

„Es gibt keine Krise des Buches“: Das sagt auch Jo Lendle, Chef des Carl Hanser-Verlages in München, im Gespräch, schränkt aber gleich ein: „Im Augenblick sind wir keine Wachstumsbranche“. Lendle schaut dabei nicht nur auf Verkaufszahlen. „Wir haben eine Krise der Konzentration“, erkennt der Verlagschef und Romancier eine tief greifende Veränderung in der allgemeinen Mediennutzung. Dabei fordere das Buch nicht nur Konzentration, es schenke dem Leser auch Konzentration und damit ein genauer fokussiertes Denken. Allerdings habe sich die „stille Übereinkunft“ vieler Menschen, in wichtigen Büchern die eigene Zeit zu erkennen, abgeschwächt, reflektiert der Hanser-Chef. Er sieht allerdings ein steigendes Interesse am guten Sachbuch. In Zeiten von Fake News steige der Bedarf an „belastbarer Information“. Ein Teil des Publikums kaufe sogar mehr Bücher als früher. Hier weiterlesen: Katie Kitamuras „Trennung“ erzählt von Versionen der Liebe.

„Menschen reden über Literatur“

„Ich sehe keinen Rückgang des Lesens“, behauptet auch Michael Serrer, Leiter des Literaturbüros NRW in Düsseldorf. „Die Menschen reden über Literatur, nehmen das Buch weiter ernst“, verweist der Literaturförderer auf die vielen Lesezirkel und Leseevents. Lesungen sieht Serrer aber auch kritisch. Er habe den Verdacht, dass bei vielen Menschen das Erlebnis der Lesung die Lektüre des Buches ersetze. Seiner Meinung nach muss es darum gehen, das Profil des Buches zu schärfen. Bücher müssen nach Serrers Ansicht schöner und komplexer sein als bisher. „Für die schnelle Info brauche ich kein Buch, da reicht der Text auf dem iPad“, meint Serrer. Probleme sieht er auch den bei den großen Buchhandelsketten, die seiner Meinung nach anspruchsvolle Literatur aus dem Sichtfeld des Lesers bringen. Es würden, so Serrer, nur noch knallige Bestseller prominent platziert. Hier weiterlesen: Neue Ideen gesucht - der Kommentar zur Buchmesse.

„Es wird weiter gelesen“

Die Probleme sind da. Einstweilen beruhigt sich die Buchbranche mit dem Hinweis auf angebliche Konstanten menschlicher Bedürfnisse. „Es wird weiter gelesen werden. Es ist ein anthropologisches Bedürfnis des Menschen, Geschichten zu erzählen“, beschwichtigt Michael Serrer. Literatur und Lesen als Teil der „menschlichen DNA“ - das war auch auf der Pressekonferenz der Frankfurter Buchmesse so zu hören. Die heiklen Zahlen jüngster Statistiken sind damit nicht aus der Welt. Aber es gibt Strategien, um dem Wandel zu begegnen. Mehr Sorgfalt für jedes einzelne Buch zum Beispiel. „Wir schauen uns jedes Buch an und überlegen, was unsere Idee zu diesem Buch ist“, sagt Jo Lendle. Bestens gemachte Bücher werden ihre Leser auch künftig finden. So ist der Hanser-Chef wohl richtig verstanden. Hier weiterlesen: Kreativität unter Verwertungsdruck - der Kommentar.


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