Huppert und Trintignant „Happy End“: Der ganze Haneke in einem Film

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Berlin. Zum achten Mal schon war Michael Haneke mit „Happy End“ in Cannes eingeladen. Der Ensemblefilm mit Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant erzählt vom Untergang einer französischen Unternehmerfamilie – und bindet die großen Themen des Regisseurs zusammen.

Das Ende der „Buddenbrooks“ besiegelte noch ein symbolischer Akt: Das jüngste setzte einfach Kind einen Strich unter die Familienchronik. Michael Hanekes „Happy End“ geht weiter und lässt die zwölfjährige Ève Laurent erst ihren Hamster vergiften und dann wohl auch die eigene Mutter. Angesichts dieses Endes einer Unternehmer-Dynastie schwingt schon im Titel bittere Komik mit. Eine der traurigsten Pointen der Studie des Nebeneinanderher-Lebens liegt dann im Verhältnis zwischen Ève und ihrem Großvater. Inmitten der teilnahmslosen Laurents entwickelt der als einziger ein Gespür für das Kind – weil er jemanden sucht, der ihn umbringt.

Von „Liebe“ zu „Happy End“: Zurück zur Distanz

Der Patriarch selbst, erfahren wir im Dialog, hat zuvor seine Frau getötet; mit der Sterbehilfe greift Haneke noch einmal das Thema seines letzten Films „Liebe“ (2012) auf. Hier wie dort spielte Jean-Louis Trintignant einen Georges, der das Leben seiner Frau beendet; mit Isabelle ist sogar die Rolle der Tochter gleich besetzt. Eine Fortsetzung ist „Happy End“ trotzdem nicht; die Figuren sind bei aller Ähnlichkeit eindeutig andere. Vor allem aber unterscheidet sich der Blick, mit dem die beiden Filme ihre Figuren betrachten. Die im Haneke-Kosmos ungewohnte Empathie von damals weicht wieder kühler Distanz, und schon im Wortsinn: Demütigende Schlägereien, tödliche Unfälle – zentrale Ereignisse sehen wir in der Totalen, aus der Perspektive von Unbeteiligten also. Wenn die Kamera einmal nah rangeht, dann mit der Einfühlung eines Laborforschers: Einen verzweifelten Ausbruchsversuch des Erben Pierre (Franz Rogowski) inszeniert Haneke in einer so engen Karaokebar, dass die Bilder an den misshandelten Hamster erinnern. Und immer wieder betrachten die Laurents ihre Umwelt durch Handy-Kameras oder über Chat-Oberflächen – eine zweischneidige Geste, die das Leben auf Abstand hält und zugleich eine leere Kommunikation betreibt, die im direkten Kontakt niemand hinbekommt.

Flüchtlingsthema im Nebenstrang

Eine politische Ebene gewinnt das Geschehen, wenn Flüchtlinge in die Handlungen eintreten. Die Laurents betrachten sie als Nebenfiguren ihrer eigenen Nöte, noch unwichtiger als die afrikanischen Bediensteten, mit denen sie zusammenleben. Mit der Gegenüberstellung begründet Haneke die Entscheidung, seiner Familiengeschichte Züge der Farce zu geben. Die Wohlstandsgesellschaft des Westens, sagt er in Interviews, hat angesichts des globalen Leids das Recht auf ein Drama verloren. In dieser Lesart ist es plausibel, dass der Ensemble-Film das Schicksal von diesmal rund zehn Figuren mehr anreißt als auserzählt. Trotzdem fällt es schwer, all ihre Geschichten – die in Wahrheit ja hochdramatisch sind – nur als Kennzeichen einer Schicht zu sehen. Gern würde man mehr über die todessehnsüchtige Beziehung von Großvater und Enkelin erfahren, die Trintignant und die Kinderdarstellerin Fantine Harduin so großartig anspielen. Für die gegenseitig enttäuschte Liebe zwischen Isabelle Hupperts Mutter und ihrem Sohn Pierre gilt dasselbe. Und doch passt das Skizzenhafte der Erzählung zu einem Film, in dem Haneke – fast wie in einer Kompilation – Themen und Motive seines Werks zusammenschnürt: die Fragen der Medialität, die ihn seit „Bennys Video“ (1992) beschäftigen, die europäische Schuld, von der „Code inconnu“ (2000) und „Caché“ (2005) handeln, die Fremdheit zwischen Kindern und Erwachsenen aus „Das weiße Band“ (2009) und das Sterblichkeitsdrama aus „Liebe“ (2012).

„Happy End“. F/D/A 2017. R: Michael Haneke. D: Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Fantine Harduin, Mathieu Kassovitz, Franz Rogowski, Laura Verlinden, Toby Jones. 107 Minuten. Ab 12 Jahre.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN