Wer gewinnt den Deutschen Buchpreis 2017? Marion Poschmanns „Die Kieferninsel“ überzeugt durch kunstvolle Sprache

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Marion Poschmann lässt ihren Hauptprotagonisten nach Japan reisen. Foto: dpaMarion Poschmann lässt ihren Hauptprotagonisten nach Japan reisen. Foto: dpa

  Osnabrück. Am 9. Oktober wird der beste deutschsprachige Roman des Jahres mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Wir stellen täglich einen der sechs Finalisten vor. Heute: “Die Kieferninsel“ von Marion Poschmann.

Matsuo Basho ist einer der bedeutendsten Haiku-Dichter. Er war es, der vor mehr als 300 Jahren diese Kürzestgedichtform, die bis dato eher eine höfische Spielerei war, in den Rang hoher Literatur erhob. Dichtung war für Basho Erleuchtung. Seine Verse über die Natur sind ein Spiegel des Inneren.

Marion Poschmann schickt den Protagonisten ihres Romans „Die Kieferninsel“ auf die Spuren des japanischen Haiku-Dichters und damit auf eine Reise der Selbsterkenntnis. Gilbert Silvester ist Geisteswissenschaftler, der sich einst zu Großem berufen fühlte, doch zu spät erkannte, dass nicht das Können zählt, um eine Universitätskarriere zu machen, sondern die richtigen Beziehungen, der passende Auftritt und das Geschick für Machtspiele. Also schlägt sich er als Privatdozent durch, dem ein Forschungsprojekt über Bartfrisuren das Einkommen der nächsten Jahre sichert.

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Auf Spuren von Dichtern und Selbstmördern

Eines Nachts träumt er, dass seine Frau Mathilda ihn betrügt. Gilbert ist fest überzeugt, dass das die Wahrheit ist. Mathilda streitet alles ab. Es kommt es zum Streit und Gilbert flüchtet nach Japan. Dort will er sich von Bashos Reisebuch „Auf schmalen Pfaden ins japanische Hinterland“ an die Orte leiten lassen, die auch der Dichter besucht hat, , darunter die titelgebende Kieferninsel.

Es kommen allerdings noch ein zweiter Protagonist und ein zweites Buch ins Spiel: der junge Student Yosa Tamagotchi und sein Handbuch für Selbstmörder. An einem Bahngleis hält Gilbert einen jungen Japaner im letzten Moment davon ab, vor den Zug zu springen. Gilbert fühlt sich verantwortlich für den jungen Mann und passt fortan auf ihn auf.

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Leicht und humorvoll

Beide Bücher geben Gilbert und Yosa Anlass, zu verschiedenen Orten zu fahren. Da führt die 1969 geborene Poschmann Protagonisten und Leser etwa tief in einen düsteren Wald, in dem Skelette und besitzerlose Kleidung davon zeugen, dass sich zahlreiche Menschen dort umgebracht haben. Auf der anderen Seite sind da die Orte, die Basho inspirierten, von denen aber manch einer mehrere Jahrhunderte nach dem Tod des Dichters zubetoniert sind.

„Die Kieferninsel“ ist ein Buch voller Schatten, voller Tragik und Trauer, und erzählt doch humorvoll von diesen zwei unbeholfenen Menschen. Das verdankt sich vor allem Marion Poschmanns Sprache, die so kunstvoll und bildreich, dabei aber leicht dahinfließt. Geschickt verwebt sie Motive von Shintoismus und japanischer Dichtung mit ihrer Geschichte. Das macht ihr Buch auf dem deutschsprachigen Markt einzigartig.


Marion Poschmann: „Die Kieferninsel“. Roman. Suhrkamp, 165 Seiten, 20 Euro.

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