Letzte Ausgabe in Bad Rothenfelde „lichtsicht“: Das pralle Leben der Projektionen

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Bad Rothenfelde. Wie gut ist Projektionskunst? Die Macher der „lichtsicht“ geben in Bad Rothenfelde die Antwort. Leider läuft die Finanzierung aus. Sponsoren für die Biennale werden gesucht.

Langsam wandert der Lichtstrahl über die struppigen Reiser. Auf den Wänden aus Schwarzdorn erscheinen Arm, Hand und ausgestreckter Zeigefinger Gottes. Michelangelo hat mit dieser Geste die Erschaffung Adams in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans legendäres Bild werden lassen. Nun lässt Medienkünstler Andreas M. Kaufmann die Körperkontur wie einen Gottesfunken in Bad Rothenfelde aufleuchten. Im Inneren des großen Gradierwerkes leuchtet der Finger wie das Verheißungszeichen einer ganz neuen Kunst. Erweiterte Kunst, sagen die Kuratoren, der zweifache Documenta-Leiter Manfred Schneckenburger und der Direktor des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie, Peter Weibel, wenn sie über die „lichtsicht“ sprechen. Für die Zuschauer, die in den Herbst- und Wintermonaten nun die Gradierwerke des Kurortes Bad Rothenfelde bei Osnabrück abschreiten werden, geht es ganz einfach um das ganz große Bilderspektakel. Hier weiterlesen: „lichtsicht“ - doch eine Chance für die siebte Ausgabe?

Wehmut zum Abschied

In den Genuss mischt sich dieses Mal Wehmut. Denn die sechste Ausgabe der Biennale für Projektionskunst soll auch die Letzte sein. Bisher finanzierte die Heinrich W. Risken-Stiftung das avancierte Kunstprojekt im Alleingang. Nun steigt der Mäzen aus. Es sei immer nur um eine Anschubfinanzierung gegangen, sagt Risken. Kommunalpolitiker suchen hastig nach Ersatz beim Land Niedersachsen, bei Stiftungen und Sponsoren. Eine siebte Ausgabe des weithin einmaligen Kunstformates wird avisiert, dürfte aber, bei kleinerem Etat, bescheidener ausfallen als die bisherigen Ausgaben. Zum Abschluss fahren Schneckenburger und Weibel noch einmal richtig groß auf, präsentieren bei ihrer Best of-Parade von Arbeiten, die seit 2007 schon einmal gezeigt wurden, weithin flutende Bildteppiche von Könnern wie William Kentridge, Sigalit Landau oder Rosalie. Hier weiterlesen: Lichtsicht - Doch noch Gelder von der Risken-Stiftung?.

Bilder auf Schwarzdornbündeln

Sind die Videos, die nun über die elf Meter hohen und hunderte Meter langen Gradierwerke wallen, wirklich legitime Nachfolger mittelalterlicher Bildfriese oder gar Vorboten einer völlig neuen Kunstform? Vor allem Peter Weibel nimmt für die Beiträge zu den „lichtsicht“-Biennalen in Anspruch, mit dem Aufeinandertreffen digitaler Bildproduktion und der alten Industriebauten als Bildträgern würden „hybride Bildwelten“, also mediale Zwitter geschaffen. Das poröse Muster der Schwarzdornbündel, auf die hier projiziert wird, verleiht den Bildern in der Tat eine Tiefe und Struktur, die gewöhnliche Videos nicht aufweisen. Mindestens ebenso wichtig scheint die Möglichkeit zu sein, dass im Riesenformat komplexe Geschichten erzählt werden können. Der Betrachter geht nicht nur vor diesen flutenden Bildern auf und ab, auch seine Blicke wandern unablässig von der einen Seite zur anderen. Die Projektionen der „lichtsicht“ sind Prozesskunst im besten Sinn des Wortes. Hier weiterlesen: „lichtsicht“ 2015 - interaktive Kunst im Test.

Komplexe Themen

Diese künstlerischen Möglichkeiten bereiten nicht nur splendides Vergnügen, sie eröffnen auch die Option, sehr komplexe Themen optisch überwältigend und zugleich inhaltlich plausibel zu behandeln. William Kentridge liefert mit „More Sweetly Play the Dance“ dafür das Musterbeispiel. Zu den Klängen einer Brass Band wackeln und wandern schemenhafte Gestalten zu einer afrikanischen Prozession über die endlos lange Bildwand. Kentridge überblendet nicht nur Video, Schattentheater und Zeichnung, er spiegelt auch viele Probleme des afrikanischen Kontinents von Aids bis Armut in seinem großartigen Werk. Weitere Beispiele lassen sich anfügen. Min Kim und Moon Choi überblenden in geschichteten Bildfenstern die Lebensfragmente moderner Metropolenbewohner zu einem Patchwork der Momentaufnahmen. Rosalie schickt gleich einen ganzen „Marathon der Tiere“ auf die lange Bildstrecke. Die Bewegungsabläufe vieler Tiere sind ein Plädoyer für den Respekt vor dem Leben. Hier weiterlesen: Wie war die „lichtsicht“ 2015? Die Besprechung.

Wer finanziert „lichtsicht“?

20 Projektionen überblenden sich nun nicht nur zu einer dichten Rückschau auf zehn Jahre „lichtsicht“. Die ausgewählten Werke lesen sich zugleich wie ein kleines Kompendium der Problemlagen und Verunsicherungen unserer Zeit. Die Kritik an Globalisierung und entfesseltem Bankenhandel, das Plädoyer gegen die Spirale der Hochrüstung, die Sehnsucht nach individueller Freiheit in einer Welt gerasteter Ordnungen - das Kunstereignis im Kurort hat die Weltlage klar im Blick. Wenigstens noch in diesem Jahr. Es wird höchste Zeit, dass auf Landesebene verstanden wird, welch ein Kunstjuwel jetzt zur Disposition steht. Die Zukunft der „lichtsicht“ sollte nicht dem Zufallsprinzip der Sponsorensuche überlassen bleiben. Vielleicht sorgt ja der lange Lichtfinger, der nun in Bad Rothenfelde durch die Saline leuchtet, auch höheren Ortes für den Zündfunken der Inspiration.


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