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Bilder verhalfen zum Erfolg Vor 200 Jahren erschien der erste Märchenband der Gebrüder Grimm

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Osnabrück. Goldtaler regnete es nicht für die erste Ausgabe von Jacob und Wilhelm Grimms „Kinder- und Hausmärchen“, die am 20. Dezember 1812 in Berlin erschien. Zu wissenschaftlich aufbereitet, ohne Bilder wurde der erste Band ein Ladenhüter. Das änderte sich, als in den 1820er-Jahren die Märchensammlung der Brüder illustriert wurde.

Der Taschen Verlag zeichnet nun in einem opulenten Band in Ausschnitten dieses Stück internationale Buchkunstgeschichte vom 19. bis ins 20. Jahrhundert nach. Es war der berühmte englische Karikaturist und Illustrator des 19. Jahrhunderts George Cruikshank, der Jacob und Wilhelm Grimm inspirierte, ihren Bruder Ludwig Emil zu beauftragen, ihre kindgerechtere Märchenausgabe von 1825 mit Bildern zu bestücken. Sie hofften so, die Popularität ihrer Sammlung „beträchtlich steigern zu können“, schreibt Noel Daniel, Herausgeberin des Bands „Die Märchen der Brüder Grimm“ aus dem Taschen Verlag.

Cruikshank, der unter anderen Charles Dickens’ „Oliver Twist“ (1837) illustrierte, hatte zwischen 1823 und 1826 die weltweit zweite Übersetzung von Grimms Märchen („German Popular Stories“) humorvoll und dynamisch bebildert. Diese erste englischsprachige Ausgabe war ein derart großer Publikumserfolg, dass sie „einen Boom an illustrierten Büchern“ ausgelöst habe, berichtet Daniel und meint: „Für viele Leser und Künstler zeigten Cruikshanks originelle und durchdachte Bilder zum ersten Mal, welches Potenzial in der Verbindung von Bild und Text steckte.“ Eine Zäsur in der Geschichte der illustrierten Bücher, denn Cruikshanks Werk markiert auch die Keimzelle für die weitere künstlerische Entwicklung in der Märchenillustration: Es waren nicht nur pure Abbildungen der Erzählungen, so Daniel, sondern „sie eröffneten ganz neue Dimensionen der Interpretation“. Als Beispiel findet man ein Bild aus „Die Wichtelmänner“ in dem Märchenband.

Noel Daniels lädt anhand von 27 ausgewählten Märchen, darunter Klassiker wie „Hänsel und Gretel“ und unbekannte wie „Die drei Federn“ zu einer kunsthistorischen Reise ins Märchenland bekannter Kinderbuchillustratoren aus zwei Jahrhunderten ein. Ihre Auswahl umfasst Arbeiten von Künstlern aus Deutschland, Österreich, Dänemark, Schweden, Großbritannien, den USA, der Schweiz und der Tschechoslowakei. Darunter befindet sich Viktor Paul Mohns „Sterntaler“ aus seinem „Märchen-Strauß für Kind und Haus“ (1882). Einerseits sei es im Design damals ein wegweisendes Kinderbuch gewesen, bemerkt Daniel, weil es unter anderem ganzseitige Farbbilder und doppelseitige Illustrationen beinhaltete. Andererseits sei seine Bilderwelt mit „romantischen Landschaften, idyllischen Burgruinen und prächtigen Wäldern“ dagegen rückwärtsgewandt. Ein Vertreter des Scherenschnitts ist auch dabei: der englische Buchkünstler Arthur Rackham (1867–1939). Einer der wichtigsten deutschen Märchenillustratoren fehlt jedoch in dem informativen, prunkvoll gestalteten Märchenband: der Marburger Jugendstilkünstler Otto Ubbelohde (1867–1922). Mit 450 Federzeichnungen illustrierte er von 1907 bis 1909 vollständig die Gesamtausgabe. Seine „Grimms Märchen“ erscheinen heute im Anaconda Verlag. In seiner Bilderwelt verewigte er die hessische Landschaft, einzelne Bauwerke und historische Stätten sowie Trachten. Immerhin: Das Kasseler Grimm Museum hat Ubbelohde jüngst eine Kabinettausstellung gewidmet.

Die Hoffnung auf einen Popularitätsschub durch Illustrationen erfüllte sich später für die Brüder Grimm. Heute lassen sich Übersetzungen in mehr als 170 Sprachen der Welt nachweisen, „die weltweite Gesamtauflage dürfte die Milliardengrenze inzwischen weit überschritten haben“, schätzt die Brüder-Grimm-Gesellschaft in Kassel.

Noel Daniel (Hg.): „Die Märchen der Brüder Grimm.“ Bildband. Taschen Verlag, 320 Seiten, 29,99 Euro.


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