Solist Igor Levit, Dirigent David Zinman Kammerphilharmonie setzt beim Musikfest Bremen Maßstäbe

Von Ralf Döring, 06.09.2017, 16:47 Uhr
Höchste Orchesterkultur: Deutsche Kammerphilharmonie Bremen Foto: Oliver Reetz

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Dirigent David Zinman und der Pianist Igor Levit spielen beim Musikfest Bremen Beethoven. Sie setzen damit Maßstäbe in Sachen Qualität und Inspiration.

Man muss kein Klassikexperte sein, um zu spüren: Hier geht es um alles oder nichts. Trocken und wuchtig klingen die ersten Takte von Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 in c-Moll, aber auch klar formuliert. Denn die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen betet hier kein Denkmal an; sie führt vor Ohren, wie lebendig diese Musik auch nach 200 Jahren noch ist. Dafür hängt sich das Orchester ganz schön weit aus dem Fenster. Aber die dürfen das. Weil sie es können.

Experten in Sachen Beethoven

Der Abend beim Bremer Musikfest demonstriert, wie Beethoven heute klingen kann –klingen muss? David Zinman steht am Pult des Orchesters; den amerikanischen Dirigenten hat sich der Intendant des Musikfests, Thomas Albert, schon lange für sein Festival gewünscht. Da treffen also zwei ausgesprochene Beethoven-Experten zusammen, denn sowohl Zinman als auch die Kammerphilharmonie haben mit ihren jeweiligen Gesamteinspielungen der Beethovensinfonien für Furore gesorgt. Und als dritter kommt Pianist Igor Levit ins Spiel, der ja nicht nur die Diabelli-Variationen in einer mustergültigen Einspielung vorgelegt hat, sondern die 32 Klaviersonaten gern im Konzert zelebriert. Er eröffnet den Abend mit der „Waldstein“-Sonate und spielt im c-Moll-Konzert den Solopart. Weiterlesen: Igor Levit im Porträt

„Grandiose Troika“ ist das Konzert betitelt, und das trifft gleichermaßen auf die Künstlertroika Levit – Zinman – Kammerphilharmonie zu, wie auf die Werke: Auf „Waldstein“-Sonate und Klavierkonzert folgt die bahnbrechende dritte Sinfonie Es-Dur, die „Eroica“, mit der Beethoven das Tor zur musikalischen, sinfonischen Romantik aufstößt und voller Neugierde und Selbstbewusstsein durchschreitet. Allerdings ist da weniger von blauen Bändern und dunklem Wald die Rede. Beethoven betrachtet die Dinge von vielen Seiten, mit dem Ziel, sie gewissermaßen mit Argumenten zu fassen. Argumente, die er aber mit Leidenschaft vorträgt.

Levit führt in der „Waldstein“-Sonate aber erst einmal einen anderen Beethoven vor. Zögerlich, zurückhaltend klingen die vorsichtigen, hingehauchten Passagen. Immer wieder tun sich lange Pausen auf, die vor Spannung vibrieren, weil sie klingen, als könnte Levits musikalischer Protagonist einfach stehen bleiben oder gar umkehren. Natürlich poltert und tobt er andererseits ungestüm und manchmal auch unvermittelt los. Aber wer hätte in Beethoven diese ätherische Seite gesucht und gefunden? Igor Levit schon.

Musik auf der Stuhlkante

Im Rampenlicht des großen Formats, in diesem Fall beim dritten Klavierkonzert gibt sich der Bonner Meister dann aber erst einmal selbstbewusst und ohne den Anschein von Verletzlichkeit. Dem trägt auch Levit Rechnung: Markant steigt er in seinen Solopart ein. Doch auch hier findet der Pianist die Momente, wo die selbstbewusste Schale nicht geknackt wird, sondern sich von selbst öffnet und die Seele preisgibt – und Zinman und die Kammerphilharmonie lassen den Raum, diese Momente in aller Ruhe auszubreiten. Ohnehin prägen sensationelle Selbstverständlichkeit und Präzision das Zusammenspiel zwischen Orchester und Solisten. Und das bei vollem Risiko. Weiterlesen: Die Große Nachtmusik zur Eröffnung des Musikfests Bremen

Dabei knirscht es auch mal, etwa wenn der Drive des Scherzos aus der „Eroica“ die Musik ins Kiesbett trägt. Aber die Kammerphilharmonie hat sich und Beethoven im Griff, vermutlich, weil die Musiker über dreißig Jahre eine gemeinsame Orchesterkultur entwickelt haben. In einer Phase, wo etliche Musiker in öffentlichen Orchestern Dienst nach Vorschrift schieben, sitzen bei der Kammerphilharmonie immer noch alle auf der Stuhlkante, und aus jedem Ton, jeder Phrase spricht Begeisterung für die Musik. Deshalb ist dieses Orchester ein unbezahlbares Geschenk – für Bremen, für die Musikwelt.

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