Drei Tage voll von Spiellust So gut war das Osnabrücker Festival „Spieltriebe“

Von Christine Adam, Daniel Benedict und Anne Reinert

Drei Tage voll von Spiellust und Überraschungen zum Genderthema hat das Theater Osnabrück geboten. Foto: Swaantje HehmannDrei Tage voll von Spiellust und Überraschungen zum Genderthema hat das Theater Osnabrück geboten. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Drei Tage voll von Spiellust und Überraschungen zum Genderthema hat das Theater Osnabrück geboten. Unsere Kritiker*innen lassen Ernstes und Lustiges, Großartiges und eher Flaues beim 7. Festival „Spieltriebe“ Revue passieren.

Unbestritten viel Mut und Fingerspitzengefühl zugleich hat das Osnabrücker Theater mit seinem Festivalthema „Macht*Spiel*Geschlecht“ an den Tag gelegt. Nichts kam anstößig oder privatistisch daher in den dreizehn Produktionen und drei Festivaltagen. Das lag sicher an einem Konzept, das das Genderthema historisch von frühen Emanzipationskämpfen herleitete. Damit zog sich das Festival aber auch zum Gutteil selbst die Zähne: Der Radikalfeminismus der 60er-Jahre wie in Sara Stridsbergs „Valerie Solanas, Präsidentin von Amerika!“ oder Frauenrollenknechtschaft wie in „Perfect Wives“ nach Ira Levin lockt heute niemanden mehr vom Fernsehsofa ins Theater.

Trotzdem war das Anliegen spürbar, in einer liberalen Demokratie nun endlich auch Transgendermenschen von Stigmatisierung zu befreien. Ruhig noch mehr Stücke hätten wie das starke Osnabrücker Rechercheprojekt „I am a bird now“ davon erzählen können, wie sehr schon allein das biologische Geschlecht ein Korsett ist – mit vielen Ärgernissen und Vitalitätsverlusten. Nicht zuletzt darin steckt das Hochpolitische des Themas, aber auch in den neuen Tendenzen zu Intoleranz und archaischen Geschlechterrollen.

Die fünf Festivalrouten auch zu acht neuen, spannenden Spielstätten in der Stadt offenbarten aber auch, zu wie viel spontaner Spiellust und Wandelbarkeit das Osnabrücker Theater in der Lage ist. Wie groß oder klein der jeweilige Erkenntnisgewinn fürs Festivalthema auch sein mochte, mit Herzblut gespielt und inszeniert waren alle Produktionen.

Mit ein paar Spots beleuchten wir nun, was uns besonders beeindruckte.

Die stärkste Inszenierung: Einen nächtlichen Volltreffer landete die musikalische Textinstallation „Staging Love“, die Inhalt, Darstellung und Spielort zur Einheit verschmolz. Großartig die atmosphärische Ambivalenz des Raums in der Vereinshalle des Schützenbundes Osnabrück-Emsland. Zwischen ungeheuer und urgemütlich, mit Nebel, Blumenkübelgräbern, gesund sprießenden Keimlingen und Schnapsgläsern in der dunklen Erde. Rhythmisch und wütend in den Boden gestampfte oder in den Raum gebrüllte Liebesverse von Paul Celan, Heiner Müller oder Mascha Kaleko klangen, als wenn die Liebe ins Räderwerk zurückliegender Weltkriegsmaschinerien geraten wäre. Doch ganz Vergangenheit ist das noch nicht, davon sprießt noch etwas, vermitteln die drei Schauspieler. Gerade dieses schwer greifbare, kaum benennbare Unbehagen war das Überzeugende an der Inszenierung von Sophia Barthelmes. Zeitgenossen, bleibt wachsam!

Die größte Lücke: Männer sterben fünf Jahre früher als Frauen, haben eine ums Dreifache höhere Selbstmordrate und können auch im Jahr 2017 noch nicht im „Anna und Elsa“-Shirt zu Arbeit gehen, ohne soziale Sanktionen zu fürchten. Lauter gute Argumente für Männer, die glauben, dass ihnen der Geschlechterdiskurs was wegnehmen will. Die Zeit ist reif für eine Dramatik, die all den alten, weißen Männern den Weg in eine rosa Zukunft ebnet. Bei den Spieltrieben war leider nichts davon zu sehen.

Die schönste Verführung: Katzenhaft gewandt und sicher auf die spitzen Steine springen oder vorsichtig mit tastenden Schrittchen an sie heranstöckeln: Mit dieser Eingangsszene erzählte „I am a bird now“ viel von femininen und maskulinen Bewegungsarten und der geschlechtsunabhängigen Freiheit, sie oder andere selbst zu wählen. Verführung zum anderen – das gelang den vier Darstellern und Tänzern faszinierend. Wie langweilig dagegen das klassische Bewegungsrepertoire für Mann oder Frau!

Die erfahrenste Zuschauerin: Schon zum siebten Mal machen die Spieltriebe Osnabrücks Kasernen und Skatehallen zur Bühne, seit 50 Jahren veröffentlicht unsere Zeitung Theaterkritiken. Für Katharina Temmeyer sind all das nur Episoden. Seit 1941 hat die Frau, der das Recherchestück „Ins Blaue“ gewidmet war, ein Abo am Osnabrücker Theater, 75 Jahre lang, durchgehend. Ihre Augen haben den jungen Johannes Heesters gesehen. Wir verneigen uns und wünschen ihr noch viele schöne Theaterabende.

Die fadeste Suppe: Eine gute Portion verspielte Sinnlichkeit durfte man erwarten beim Festivalthema. Die trieb vielen Besuchern in den Pausen eine vegane Süßkartoffelsuppe aus: fad und ohne jede Würze. Oder sollte sie geschmacklich erinnern an die Hunger- und Mangeljahre des Zweiten Weltkriegs, die Osnabrücks wohl treueste Theaterabonnentin, Katharina Temmeyer, erlebt hat?

Die kurioseste Begegnung: Dass die Welt eine Bühne ist, weiß jeder. Aber gilt das trotzdem auch für die eher triste Hasestraße? Na klar, haben sich Choreografin Vasna Felicia Aguilar und ihre Tänzer offenbar für „Encounter/Begegnung“ gedacht. Und erweitern die Bühne im Kunstraum „Hase29“ mal eben nach draußen. Das Publikum kann durch die großen Schaufenster des ehemaligen Ladengeschäfts dabei zusehen, wie sich Tänzer und unwissende Passanten zufällig auf dem Bürgersteig begegnen. Die Vermischung von Kunst und Realität sorgt draußen für erstaunte Blicke und drinnen beim Publikum für Lacher. Ein wunderbares Aha-Erlebnis.

Der übelste Fusel: Als Kritiker weiß man im Theater nie genau, was sie einem ins Glas mischen. Ihren gefährlichsten Tropfen haben die Spieltriebe allerdings dem Publikum serviert. Im Schützenhaus schenkte Sophia Barthelmes, Regisseurin von „Staging Love“ und einst selbst Wirtin, einen Obstler aus, von dem bis zuletzt unklar blieb, ob er aus Apfel, Birne oder dem Sprit britischer Kampfflieger gewonnen war. Noch während der Dernièren-Feier wurde das hochexplosive Destillat per Gefahrguttransport in die Bühnenbildnerei überführt, wo es als Möbelbeize Verwendung finden soll.

Zufällige Wiederbegegnung: Und plötzlich steht sie da. Musikdramaturg Alexander Wunderlich stellt nach „Dienstags bei Kaufland“ in der Theaterpassage Heike Schmidt vor, Bühnenfacharbeiterin am Theater Osnabrück. Eine gepflegte, dezent geschminkte Frau mit langen, lackierten Fingernägeln. Vor 13 Jahren ließ sie sich vom Mann zur Frau umoperieren. Ihre Lebensgeschichte ist eine von zwei Biografien, die im Rechercheprojekt „I am a bird now“ erzählt wurden.

Am Premierenabend gab es für Schmidt einen kurzen Schreckmoment, als sie dem Publikum in der Theaterpassage ihre Geschichte erzählte. Denn da saß der Arzt in den Zuschauerreihen, der sie operiert hatte. Für einen Moment überlegte sie, ob sie alles richtig wiedergegeben hatte. Doch der Abend endete für Arzt und Ex-Patientin ganz harmonisch gemeinsam bei einem Glas Wein. Für das Publikum hatte Heike Schmidt noch eine starke Botschaft: „Ich wünsche mir, dass alle tolerieren, dass es egal ist, wie ein Mensch ist“, sagte sie. Für sie war das nicht immer selbstverständlich.


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