Buch von Jürgen Kaube „Anfänge von allem“: Am Start der Zivilisation

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Osnabrück. Wer erfand die Schrift, das Geld, den aufrechten Gang? Jürgen Kaube blickt in seinem Buch „Die Anfänge von Allem“ auf den Beginn der Zivilisation. Er kommt zu überraschenden Antworten.

Wer hat das Rad erfunden? Wer kam auf die Idee, Münzen zu prägen? Wer malte die ersten Höhlenbilder? Fragen nach den genialen Erfindern in grauen Vorzeiten klingen spannend. Jürgen Kaube, FAZ-Herausgeber und Wissenschaftsjournalist, hat diese Fragen neu gestellt. Sein Buch „Die Anfänge von allem“ versammelt gut recherchierte und anregend geschriebene Geschichten über die Anfänge menschlicher Zivilisation. Bislang unbekannte Erfinder hat er nicht ausfindig gemacht. Darum geht es für ihn auch nicht. Seine leitende Einsicht: „Die wichtigsten Erfindungen haben keine Erfinder.“

Berichte der Archäologen

Von aufrechtem Gang bis Monogamie, von Sprache bis Zahl reicht der Reigen der Anfänge, denen Kaube in 16 Kapiteln nachgeht. Dafür hat er sich durch Bücher und Berichte von Archäologen und Kulturforschern aller Fachrichtungen gearbeitet. Kaube steigt für seine Leser in vorzeitliche Höhlen hinab, vermisst Grundrisse früher Städte neu, analysiert die Skelette von Neanderthaler oder Homo sapiens. Er schaut in Kochtöpfe, nimmt uralte Münzen in die Hand, brütet über Keilschriften. Dabei verliert sich der Autor nicht im Dickicht der Details. Kaube läuft viele Fährten der Menschheitsentwicklung ab. Und hat dabei doch immer jenes große Ganze im Blick, das wir Zivilisation nennen.

Gemeinsame Suche

Kein Wunder. Als Schüler des Bielefelder Jahrhundertsoziologen Niklas Luhmann (1927–1998) präferiert Kaube nicht das schöpferische Individuum, sondern denkt in systemischen Zusammenhängen. Seine Darstellung gewinnt deshalb dort an Überzeugungskraft, wo er die Verbindungen zwischen Innovationen der Menschheitsgeschichte herstellt. Waren Gehirn und Intellekt am Anfang aller Dinge? Oder verdankt sich ihre Entwicklung nicht der Voraussetzung des aufrechten Ganges, also einer veränderten Körperhaltung? Kaube ruft die lange Dauer der Anfänge des Menschen in Erinnerung und zeigt auf, dass sich Kulturentwicklung weniger isolierten Erfindungen als dem gemeinsamen Suchen nach Problemlösungen verdankt.

Großes Projekt

In dieser Einsicht steckt eine Pointe mit Sprengkraft. Wer mit Kaube davon ausgeht, dass „zivilisatorisch bedeutsame Dinge nicht fertig aus der Hand eines Erfinders springen“, sondern „von der Vorleistung zufallsbehafteter Schritte“ abhängen, der wird nicht mehr Zivilisationen unterscheiden, sondern Zivilisation als großes Projekt der ganzen Menschheit begreifen. Rechtspopulisten haben Kultur als Kampfbegriff einer rigiden Abgrenzung neu in Stellung gebracht. Kaube ruft dagegen in Erinnerung, dass Kulturen zusammenhängen. Je weiter der Blick in ihre Frühzeiten zurück gerichtet wird, umso deutlicher tritt zutage, dass sich Kultur der Kooperation verdankt.

Flexibler Problemlöser

Der Mensch hat sich aufgerichtet, Sprache entwickelt, Städte gebaut und neue Formen komplexen Zusammenlebens entwickelt, weil er als Migrant schon immer ein flexibler Problemlöser war. In diesem Menschenbild laufen Kaubes Erzählungen zusammen. Wer ihnen folgt, lernt nicht nur immens viel über die zivilisatorischen Schritte früher Vorzeiten, sondern findet auch zu neuer Demut vor der Menschheit.


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