Dino-Buch im Taschen-Verlag Prachtband im Echsendesign: „Paläo-Art“

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Osnabrück. War das Leben der Dinosaurier ein ständiger Kampf der Vorzeitmonster? Der Taschen-Verlag präsentiert einen Prachtband mit Dino-Art.

Eigentlich waren sie seit 66 Millionen Jahren verschwunden. Doch 1928 treten sie noch einmal zum großen Showdown an. Auf dem Gemälde von Charles R. Knight fletscht der Tyrannosaurus Rex seine mächtigen Zähne, während der Triceratops in Erwartung des Angriffs seine nadelspitzen Hörner senkt. Die Giganten treffen in sumpfiger Nebellandschaft wie Revolverhelden zum finalen Gefecht aufeinander. Maler Knight imaginiert eine Situation, die Kampfszenen in Kingkong-Filmen oder den Horror von Steven Spielbergs „Jurassic Park“ vorwegnimmt. Wissen oder Fiktion? Es sind künstlerische Darstellungen, die das Bild vieler Menschen von den Urzeitechsen prägen.

Im Gedächtnis der Popkultur

Seit dem 19. Jahrhundert machen sich Maler und Illustratoren, Bildhauer und Keramiker Bilder von den Dinosauriern, die das kollektive Gedächtnis der Popkultur bis heute bevölkern. Ob Dino-Film oder der T-Rex aus Plastik im Kinderzimmer – sie alle gehen auf Bildschöpfungen zurück, die seit 1830 in Europa und den USA aufkommen. Der Kölner Taschen-Verlag, Spezialist für opulente Bildwerke, hat ein ganzes Kompendium dieser Bilder von Dinosauriern unter dem Etikett Paläo-Art versammelt. Der Band entspricht allein schon durch die schiere Größe seinem Thema – ein Schwergewicht für die massigsten Lebewesen, die jemals unseren Planeten bevölkert haben.

Urzeitliche Kampfszenen

Die Autoren Zoë Lescaze und Walton Ford spannen mit Darstellungen von 1830 bis 1990 nicht nur einen weiten Bogen durch zwei Jahrhunderte, sie portionieren die Aspekte des Themas auch akkurat wie Kunsthistoriker in übersichtliche Kapitel. Das ist auch zu empfehlen. Denn die Bilder selbst überfluten geradezu Auge und Fantasie des Betrachters mit dem Getümmel urzeitlicher Kampfszenen. Klapptafeln, die sich zu weiten Panoramen öffnen, unterstreichen die visuelle Vehemenz dieses Bandes, dem die Buchgestalter obendrein einen schuppigen Einband mitgegeben haben. Echsendesign für den vollen Dino-Genuss sozusagen. Hier weiterlesen: Katastrophe der Urzeit - wie die Dinos ausstarben.

Vorzeit als Projektion?

Dabei bietet der Saurierklotz nicht allein opulentes Sehvergnügen. Das Buch fächert auch die Beschäftigung mit Dinosauriern als kulturgeschichtliches Panorama auf. Denn seit den ersten Funden von Knochen und Fährten aus der Vorzeit gehen Wissen und Fiktion Hand in Hand, wenn es um Aussehen und Verhalten der Dinosaurier geht. Maler und Zeichner rekonstruieren anhand archäologischer Funde nicht einfach nur das Aussehen der Giganten von einst, sie bringen in ihre Bilder urzeitlich wilder Landschaften auch ganz und gar menschliche Fantasien mit ein. Das Saurierbild zwischen Wissensvermittlung und Projektion – so lautet das eigentliche Thema dieses Bandes.

Skurrile Mischwesen

Henry Thomas De la Beche eröffnet 1830 den Reigen der Saurierbilder als Kampfszenen. Das kleinformatige Aquarell zeigt die Vorzeit als Tümpel, in dem sich skurrile Mischwesen aus Echse und Fisch unablässig gegenseitig vertilgen. Das Leben als Kampf und Recht des Stärkeren – das Saurierbild illustriert jenen Sozialdarwinismus, der das Leben ganzer Gesellschaften in der frühen Industrialisierung prägen sollte. Zugleich imaginiert der Künstler Natur als ein von Lüsten und Ängsten besetztes Chaos. Das Saurierbild bündelt genau jene Vorstellungen irrationaler Gegenwelten, die das von der Vernunft gesteuerte Zeitalter der Wissenschaften als ihre verdrängte Kehrseite mit produzierte. Hier weiterlesen: Schöne Ungeheuer - die Strandbiester von Theo Jansen.

Von Dino bis Kingkong

Das Genre des Saurierbildes führt geradewegs in die explodierenden Bildwelten der Pop- und Trashkultur mit ihren Monstern, Bestien und Katastrophen. Das Buch zeigt, wie die Dinos als Kulturphänomen ein unverhofftes zweites Leben gewinnen. Benjamin Waterhouse Hawkins bevölkert Mitte des 19. Jahrhunderts ganze Parks mit seinen gigantischen Saurierplastiken. Bilder von ineinander verbissenen Echsen illustrieren sogar ironisch den „Knochen-Krieg“, den sich die Forscher Othniel Charles Marsh und Edward Drinker Cope Ende des 19. Jahrhunderts um vorzeitliche Funde lieferten. Auf Bildtafeln sind auch jene Berliner Saurier-Mosaiken wieder zu erleben, die 1943 im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges untergingen.

Im Klimawandel

War der Mensch nicht immer aggressiver als jeder Tyrannosaurus? Illustratoren haben jedenfalls in Bilder von Sauriern projiziert, was eher vom Konkurrenzkampf der Menschen als vom wirklichen Verhalten der Dinos kündet. Saurier-Künstler zeigen den Menschen als freien Jäger, aber auch als wehrloses Wesen in steter Gefahr. Die Bilder der Vorzeit entwerfen eine Natur, die mit ihrer urwüchsigen Weite fasziniert, aber auch ängstigt. Am Ende des Buches stehen Bilder vom Untergang der Riesenechsen. In staubiger Wüste vertrocknen die Überreste der einst stolzen Giganten. Die Maler zeigen sie als Opfer eines frühen Klimawandels. Nehmen sie damit das Schicksal des Menschen womöglich nur vorweg? Hier weiterlesen: Wie sich Saurier mit Tarnung schützten.


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