Kritik an Fetischfiguren Die angeleinte Frau: Künstler Allen Jones wird 80


Osnabrück. Frauenfiguren als Möbelstücke: Mit seinen Fetischskulpturen provoziert Allen Jones 1969 einen Kunstskandal. Am 1. September 2017 wird der Pop Art-Künstler 80 Jahre alt.

Straffe Schenkel als Sitzfläche, ein ebener Rücken als Tischplatte, willfährig geöffnete Hände als Huthalter - 1969 formt Allen Jones mit seinen Skulpturen „Chair“, „Table“ und „Hat Stand“ drei Frauenfiguren aus Fiberglas und echten Fetischklamotten zu Möbelstücken, die bis heute als Beispiele für den krassesten Sexismus herhalten, den sich ein Künstler jemals geleistet hat. Während sich Jetsetter Gunter Sachs und Großsammler Peter Ludwig, übrigens zum Entsetzen seiner Frau Irene, umgehend ihre exklusiven Exemplare dieser Figurengruppe sichern, schäumen Frauenrechtlerinnen vor Wut. Allen Jones dagegen bekennt bis heute ganz unbekümmert: „Ich bin ein Feminist“. Seinen zweifelhaften Ruf ist er dadurch nicht losgeworden. Hier weiterlesen: Pantheon des Pop - 50 Jahre „Stg. Pepper“-Album.

Highheels und Halsband

Minirock, Beat, sexuelle Revolution: Allen Jones, der am 1. September 2017 80 Jahre alt wird, entwickelt sein Werk aus dem Geist der sechziger Jahre. Befreiung und Grenzüberschreitung liegen in der Luft. Lebensechte Figuren aus Fiberglas stellen damals auch Künstler wie Duane Hanson und Edward Kienholz in die Galerien. Mit ihren Figuren von fetten Touristen und schlaffen Gästen in Fastfood-Restaurants kritisieren sie die Langeweile des auf Konsum verengten amerikanischen Traums. Während Linksintellektuelle wie Theodor W. Adorno gegen Warenfetischismus und Entfremdung wettern, dreht der im englischen Southampton geborene Jones das Spiel. Mit Highheels und Halsband stattet er seine Kunstfiguren aus, die, ganz gleich ob dominant oder devot, zur visuellen Signatur der angeleinten Frau avancieren. Ist das nur der Fetisch für die Dekade, in der Macho James Bond auf die Kinoleinwand kommt oder nicht auch ein ewiger Männertraum? Hier weiterlesen: Sommer der Liebe - 50 Jahre Monterey Pop Festival.

Kunst als Provokation

Allen Jones studiert am Londoner Royal College of Art. Spätere Kunststars wie Ronald B. Kitaj und David Hockney sind seine Kommilitonen. Anfang der sechziger Jahre geht er nach New York, probiert sich aus in der Aufbruchsstimmung jener Jahre - und entdeckt in verdrängter Fetischkultur das Potenzial für seine später vehement angefeindeten Skulpturen. Corsagen, Schnürstiefel, Halsbänder: Nachdem bereits Richard Lindner (1901-1978) die schräge Domina als Motiv vieler seiner Gemälde gezeigt hatte, macht Jones aus ihr provozierend aufreizende Skulpturen. Edgar Degas formte lange zuvor seine „Tänzerin von 14 Jahren“ aus Wachs und stattete sie mit Haarzopf und Tüllkleidchen täuschend echt aus. 1881 provozierte Degas mit seiner Figur einen Skandal ohnegleichen. Jones greift das Prinzip auf, indem er lebensecht aussehende Frauenkörper in Stiefel und Korsett zwängt. Hier weiterlesen: Rasende Leidenschaft - das Auto in der Kunst.

Kritik oder Sexismus?

Aber steckt in solchen Skulpturen befreiende Kritik oder bestätigen sich nicht doch einen Sexismus, der Frauen zum benutzbaren Objekt degradiert? Allen Jones hat diese Entscheidung mit seinen Möbelskulpturen und weiteren, sexuell aufgeladenen Werken stets offengehalten. Solche Provokation bietet einen Kitzel, den auch der Kunstmarkt liebt. Jones hat sich immer glänzend verkauft. Eine Version seiner drei inzwischen legendären Frauenfiguren von 1969 ging 2012 bei Sotheby´s für zusammen drei Millionen Euro weg. Mit seinen Fotos von Supermodell Kate Moss im Körperpanzer lieferte Jones erst 2013 eine erneuerte Version seiner Fetischkunst. Es scheint, als hätte Jones mit solchen Darstellungen nicht nur der Frau, sondern auch sich selbst eine unlösbare Fessel angelegt. Hier weiterlesen: Freche Kunst der Sechziger - die Sammlung Hahn in Köln.


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