„Mehr Licht“ in Duisburg Musiktheater nach Jelinek begeistert bei der Ruhrtriennale



Zweieinhalb Stunden lang anstrengendes und bildgewaltiges Theater, am Ende ausdauernder Applaus: „Kein Licht“ von Elfriede Jelinek und Komponist Philippe Manoury bei der Ruhrtriennale.

Es ist ein düsteres Bild vom Zustand der Menschheit und der Erde, das einem die Ruhrtriennale in der Gebläsehalle des Landschaftsparks Nord in Duisburg anbietet. Die Katastrophe war ja noch ein Riesenspaß; Niels Bormann und Caroline Peters, die beiden Schauspieler planschen im Wasser, das aus dicken Rohren auf die Bühne sprudelt, sie machen Selfies, und dazu tobt die Musik, dass eine wahre Freude ist. Doch dann kommt auch noch Trump - als hätten Fukushima und die Folgen nicht gereicht. Weiterlesen: Elfriede Jelineks „Rein Gold“ in Berlin

„Ich spiele nur die zweite Geige“

Ja, es geht wild zu in Elfriede Jelineks Stück „Kein Licht“. Als Reaktion auf die Katastrophe von Fukushima geschrieben, hat sie es für die Ruhrtriennale um einen Donald-Trump-Akt erweitert, der französisce Komponist Philippe Manoury hat Musik dazu geschrieben und Nicolas Stemann hat alles zusammen mit Dirigent Julien Leroy auf die Bühne in dem Industriedenkmal gebracht. Weiterlesen: Eröffnung der Ruhrtriennale mit „Pelléas et Mélisande“

Worum geht es? Nun, Jelinek reagiert mit der ihr eigenen Ironie, ihrem Sprachwitz und auch ihrer Wut darauf, wie die Menschheit auf Fukushima reagiert hat: Unter anderem dadurch, dass die Verantwortung irgendwohin geschoben wird. „Ich spiele nur die zweite Geige“, sagt Schauspieler Niels Bormann, und Caroline Peters erklärt, wie unwillkürliches Weinen funktioniert (das hat nichts mit Trauer zu tun, sieht bei aber genauso aus). Überhaupt ist die Natur selbst schuld: Dieses bittere Fazit lässt Jelinek ihre beiden Schauspieler ziehen. Die Katastrophe selbst wird dann zum dekorativen Hintergrund für spannende Selfies.

Dann kommt auch noch Trump

Der erste Akt reflektiert den 11. März 2011 selbst, der zweite das Jahr danach, und dann kommt auch noch Trump (daher der vollständige Titel „Kein Licht - 2011/2012/2017“). Da nimmt das Stück zusätzlich Fahrt auf: Trump und Familie werden zum Herrscherclan stilisiert - ohne das der Name selbst auftaucht. Aber in einem furiosen Solo darf Peters den ganzen Wahn aus sich heraussprudeln lassen wie einen Akt vorher das Wasser, das die Bühne geflutet hat: Da war das Symbol für nuklear kontaminiertes Wasser, das sich ins Meer ergießt, jetzt geißelt der sprudelnde Monolog das Verhalten der amerikanischen Königskinder, die Schmuck entwerfen, Ketten, die ihnen Freiheit geben - Kapitalismuskritik gehört natürlich auch zu Jelinek.

Grell geht es zu auf der Bühne, die Katrin Nottrodt gebaut hat. Plastikbehälter mit giftgrüner Flüssigkeit tropfen vor sich hin, den Hintergrund bilden, gerade im Trump-Akt schrille Comicbilder (Video: Claudia Lehmann), und die Kostüme sind nicht minder schrill. Zunächst tragen die beiden Schauspieler und das Solistenquartett schwarzfunkelnde, enge Abendkleider, dann wird es bunt: im knallroten Kleid Caroline Peters, Niels Bormann mit knallblauer, knallenger Hose, das Sängerquartett (Christina Daletska, Lionel Peintre, Sarah Sun und Olivia Vermeulen) trägt Roben wie römische Edle, aber mit giftgrünen Schals (Kostüme: Marysol del Castillo). Publikumsliebling aber ist Cheeky, ein Hund, der zu Beginn in einem wunderbaren Blues mit dem Orchestertrompeter um die Wette heult.

„Wir schaffen das - äh, wir lassen das“

Philippe Manourys Musik nun schafft das Gegengewicht zu Jelineks Spiel mit der Sprache. Während sie Wörter, Begriffe, Floskeln in Assoziationsketten aus- und umdeutet (der Seitenhieb „Wir schaffen das, äh, wir lassen das“ muss schon sein) und virtuos mit Sprache spielt, schafft Manoury, zusammen mit der elektronischen Vertiefung durch die französische Neue-Musik-Institution IRCAM, eine düstere, auch hochgradig nervöse, spannungsgeladene Musik. Immer wieder aber schafft er Inseln für ausdrucksvollen Gesang, dichte Ensemblesätze für die drei Frauen oder auch vierstimmige Passagen sowohl für die Solisten als auch für ein Vokalquartett des kroatischen Nationaltheaters Zagreb. Vor allem Altistin Christina Daletska bezaubert immer wieder mit ausdrucksvoller Lamentomusik. Dirigent Julien Leroy am Pult des Spezialistenensembles United Instruments of Lucilin aus Luxemburg entwickelt Bögen von extremer Binnenspannung, Und so fügt sich „Kein Licht“ zu einem intensiven, auch anstrengenden, zweieinhalbstündigen Abend voller Witz. Daran haben die Peters und Bormann hohen Anteil, weil sie Jelineks Texte griffig ausdeuten und sich immer wieder voller Witz direkt ans Publikum wenden. Als Fazit bleibt dennoch die bittere Erkenntnis, wie tief wir im permanenten Dilemma des Lebens verstrickt sind - und sich der Einzelne nachhaltig um die Verantwortung herumdrückt.


Weitere Aufführungen: 27. August, 1.,2., 3. September im Landschaftspark Duisburg-Nord. Weitere Infos: www.ruhrtriennale.de

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