ZDF-Doku über Videospiele in Deutschland Von grauen Planern und bunten Daddelkisten

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Die Ursprünge der Videospielindustrie in Deutschland beleuchtet Autor Christian Schiffer in seiner ZDF-Dokumentation „Was spielt Deutschland?“. Symbolfoto: imago/ManngoldDie Ursprünge der Videospielindustrie in Deutschland beleuchtet Autor Christian Schiffer in seiner ZDF-Dokumentation „Was spielt Deutschland?“. Symbolfoto: imago/Manngold

Osnabrück. Heute kommen die großen Videospiel-Blockbuster aus den USA oder Japan. Doch das war nicht immer so: Auch wenn viele deutsche Videospielentwicklungen mittlerweile in Vergessenheit geraten sind, gibt es hierzulande eine lange Tradition – mit typisch deutschen Attributen, wie das ZDF in einer Dokumentation darlegt.

In 45 Minuten die Geschichte der Videospielindustrie in Deutschland zu erzählen, ist ein ambitioniertes Vorhaben. Dokumentarfilmer Christian Schiffer, der bereits mehrfach für das ZDF Filme zum Thema Videospiele gedreht hat, versucht es in „Was spielt Deutschland?“ trotzdem. Und weil eine Dreiviertelstunde eben nicht üppig ist, beschränkt sich der Film auf ausgesuchte Teilbereiche einer heute massiv expandierten Branche.

Smudo war früher Spieleentwickler

Für die Ergründung ihrer Ursprünge hat sich Schiffer prominente Hilfe vor die Kamera geholt. Der Autor lässt beispielsweise Michael Schmidt alias Smudo von den Fantastischen Vier zu Wort kommen. Dabei treten interessante Zusammenhänge zum Vorschein: Vor der Musikerkarriere machte sich Smudo einen Namen als Programmierer eines frühen simplen Videospiels und einer Anwendung für die Dateneingabe bei der Fußball-Europameisterschaft 1988. Bis heute ist der Rapmusiker leidenschaftlicher Spieler mit einem Faible für Spielautomaten.

Moorhuhn eroberte die Bürorechner

Weiterer Hauptakteur ist der Spieleentwickler Frank Ziemlinski, der in den 1990er Jahren mit dem Spiel „Moorhuhn“ einen gigantischen Blockbuster kreierte. Der vor allem in Büros beliebte Shooter entwickelte sich binnen Wochen zum Hit. Zudem machte er die Casual Games, also einfach zu bedienende PC-Spiele, in Deutschland salonfähig. Exemplarisch steht Ziemlinski für Hoffnungen und Enttäuschungen im schnellen Geschäft mit den bunten Videospielen. Quasi über Nacht wurde er als Teilhaber der Firma Phenomedia reich, um wenig später durch das Platzen der Internetblase buchstäblich vor dem Nichts zu stehen.

Die Deutschen spielen am PC

Schiffer widmet sich in seinem Filmbeitrag auch einem deutschen Phänomen: Während in vielen anderen Ländern vor allem die Konsolen boomten, fand in Deutschland der PC als Spielgerät reißenden Absatz – eigentlich ja ein zum Arbeiten gedachtes Hilfsmittel. In der Folge spielten die Deutschen weniger actionbetonte Spiele – ein Markenzeichen der Konsolen –, sondern eher Simulationen mit Tiefgang, die bisweilen zwar etwas bieder daherkommen, aber gut mit Maus und Tastatur zu steuern sind. Und in der Tat: Wer sich die Bestseller deutscher Spieleentwickler in den 80er und 90er Jahren anschaut, trifft vor allem auf das Genre der Aufbau -und Managerspiele.

Erfolg vor allem in Deutschland

„Die deutsche Seele ist ja irgendwie eine Krämerseele. Die Deutschen haben immer Spaß am Optimieren und daran, Dinge besser zu machen“, kommentiert der Journalist Christian Schmidt, einst Redakteur bei der Gamestar. Wie sonst könne ein Spiel Spaß machen, bei dem ein Logistikunternehmen gesteuert wird? Während „Patrizier“, „Der Planer“ oder Fußballmanagerspiele wie „Anstoss“ in erster Linie deutsche Spieler beglückten, bleib der Erfolg dieser Spiele in anderen europäischen Ländern hinter dem in Deutschland zurück.

Deutsches Klischee

„An dem Klischee, dass sich die Deutschen für Simulationen und Aufbauspiele begeistern, ist etwas dran“, sagt die Trierer Medienexpertin Linda Breitlauch im Gespräch mit unserer Redaktion. Allerdings könne man die hiesige Spieleindustrie nicht auf die Entwicklung eines Genres reduzieren. „Es gibt mindestens genauso viele erfolgreiche Titel aus anderen Genres. Außerdem ist das Spielverhalten der Deutschen nicht anders, als in anderen europäischen Ländern“, so Breitlauch. Und so greift die Dokumentation bei allen interessanten Inhalten phasenweise zu kurz.

Als nostalgischer Rückblick auf die Anfänge einer heute kaum wiederzuerkennenden Industrie mit Milliardenumsätzen eignet sich Schiffers Film jedoch durchaus. Nicht wenige Zuschauer dürften sich jedenfalls nach einem Besuch in Smudos Büro sehnen. Dort ist die Geschichte der Videospiele nämlich im wahrsten Sinne des Wortes zum Greifen.

„Was spielt Deutschland?“, ZDFinfo, Mittwoch, 23. August 2017, 20.15 Uhr


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