„Das Leben des Vernon Subutex“ Roman der Pornographin Virginie Despentes nun auf Deutsch

Von Roland Mischke

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Paris. Die Pornographin Virginie Despentes provoziert gern. In Frankreich ist ihr Gesellschaftsroman „Das Leben des Vernon Subutex“ ein Bestseller, nun erschien er auch auf Deutsch.

Ihr Leben war lange Punk. Virginie Despentes, 48, sorgte vor 24 Jahren mit ihrem ersten Roman „Baise-moi“ („Bums mich!“) für einen Skandal. Zeitweise war sie Prostituierte, gab die Sexarbeit aber wieder auf, weil ihr das Schreiben wichtiger war. Heute erfährt sie in ihrer Heimat viel Anerkennung, wird sogar mit Honoré de Balzac verglichen.

Miese Stimmungslage

Weil sie in ihrem neuen Roman einen Nerv berührt. Frankreich im sozialen Abstieg, Massenprekariat, verlorener gesellschaftlicher Konsens. Die Autorin schildert das am Beispiel eines Mannes, der aus dem normalen Leben wegrutscht ins soziale Elend, ohne das zu wollen oder mit eigener Kraft abwenden zu können. Der französischen Gesellschaft ist es in den letzten Jahren unter den Regierungen von Sarkozy und Hollande schlecht ergangen, die Wirtschaft funktioniert nicht gut, es kam zu immer neuen Verwerfungen, Depression griff um sich.

In klaren Sätzen beschreibt die Autorin die miese Stimmungslage, die in einer Kränkung begründet ist. Stets wurde in Franzosen von Politikern, Lehrern und Philosophen das Bewusstsein erzeugt, ein starkes und wohlhabendes Land zu sein. Doch die Wirklichkeit ist anders. Nun erhebt sich ein Chor der Empörten, die ihre Abstiegsangst fürchten, ohne Geld, mit schlechtem Sex, übler Gemütsverfassung und Lebensverdruss.

Versteinert im Absturz

Vernon Subutex besaß einst einen beliebten Plattenladen in Paris, er trug den Namen „Revolver“. Das war in den achtziger und neunziger Jahren. Der seltsame Name „Subutex“ bezieht sich auf ein Ersatzmittel für Heroinabhängige, das an Süchtige verabreicht wurde. Er war bekannt, hatte viele Freunde und Kunden. Bis immer weniger Platten wollten, Subutex ökonomisch abstürzte, den Laden 2006 aufgeben musste und in die Sozialhilfe abglitt.

Darin ist er versteinert, der einstige Liebhaber der Frauen verlässt kaum noch seine abgedunkelte Wohnung, hat wenig soziale Kontakte, geht nicht mehr zu Abendessen, weil er es sich nicht leisten kann, eine Flasche Wein mitzubringen, und surft stundenlang durchs Internet. „Das Leben ist oft ein Spiel in zwei Sätzen“, heißt es im Roman. „Im ersten schläfert es dich ein und lässt dich glauben, dass du führst, und im zweiten, wenn du entspannt und wehrlos bist, serviert es dir seine Schmetterbälle und macht dich alle.“

Ein Gerichtsvollzieher klingelt, Subutex verliert seine Wohnung. Er darf nur einiges mitnehmen, darunter die Videokassetten seines Freundes Alexandre Bleach. Der war mal ein populärer Rockstar, in Subutex‘ Laden interviewte er sich selbst vor der Kamera, die Kassetten ließ er zurück. Später wurde er in einem Hotel gefunden, tot in der Badewanne. Der Freund hofft, dass Medienvertreter an den Hinterlassenschaften Interesse zeigen. Ansonsten wäre er ein gefallener Mann.

Geschichte eines Verlierers

Virginie Despentes beschreibt das in beklemmenden situativen Szenen, in denen sich rassistische und antisemitische Auswüchse zeigen. Menschen suchen verzweifelt Sinn in anderen Schichten, ethnischen Gruppen. Einer tritt in einen rechten Schlägertrupp ein, eine wird zur radikalen jugendlichen Muslima und Obdachlose lieben nur noch die Tiere, seitdem sie die Menschen kennen. Subutex, der einige Zeit bei Freunden unterkam, wird schließlich white trash. Ohne auf der Straße zu erfahren, dass er in den sozialen Medien wegen der Alexandre-Bleach-Videos ein begehrter Mann ist.

Virginie Despentes hat die Geschichte eines Verlierers geschrieben, beispielhaft für viele, die gescheitert sind. In ihrem Roman erfährt man von realen Ereignissen, und wie sie Menschen und das Land verändern. Ihr Ton aber ist von Barmherzigkeit, ja, Zärtlichkeit für ihre Figuren geprägt.

Virginie Despentes: „Das Leben des Vernon Subutex.“ Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Kiepenheuer & Witsch, 399 S., 22 €


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